Kultur : Bühne wieder als Heimstatt des Unergründbaren

Christoph Funke

Eine Tochter soll verheiratet werden. Die Familie gibt ein Fest, zwei Bewerber treten an und bitten um die Hand der kapriziösen Schönen. Aber plötzlich wandelt sich der Vorgang ins Geheimnisvolle. Die Familie bricht auf, in den Wald, begibt sich in tiefer Nacht Richtung Kloster. Ein Mönch aus vergangenen Jahrhunderten erzählt vom toten Mädchen, das im weißen Hochzeitskleid aus dem Grabe steigt.

Das New Riga Theatre aus Lettland zeigt im Berliner Hebbel-Theater unter dem nicht entschlüsselten Titel "Serpent" eine für die Bühne eingerichtete Erzählung des rumänischen Philosophen und Schriftstellers Mircea Iliade (1907-1986), der als Professor für Religionsforschung Jahrzehnte an der Universität Chicago wirkte. Der Regisseur und Bearbeiter Viesturs Kairiss will die Bühne wieder zur Heimstatt des Unergründbaren machen und dabei die Wurzeln finden, aus denen menschliches Sein hervorwächst. In den Erklärungen seines neunzigminütigen Theaterabends liest sich das faszinierend. Von ungeheurer Wucht, von faunischen, dionysischen Elementen ist die Rede, von biokosmischen Ebenen und poetischen Apotheosen.

Auf der Bühne selbst stellt sich das ärmer dar. Kairiss bringt nicht Menschen auf die von üppigem Blattgrün eingegrenzte Schräge, sondern eher marionettenähnliche Wesen mit gefroren zeremonieller Gestik. Kairiss und seinem Ensemble gelingen trotz der klug stützenden Musik von Arturs Maskats choreographisch durchgeformte Bewegungsabläufe nur in Ansätzen. Das Springen vom Rand der Schräge in unsichtbare Abgründe, das Heraufhangeln auf die Spielfläche aus Vertiefungen im Boden, das Rennen über die Bühne oder das Klettern auf einen dünnen, hohen Baum verliert sich in Zufälligkeiten. Um nicht ungerecht zu sein - der Dialog erschließt sich dem deutschen Zuschauer nur bruchstückweise. Die Übertitelung ist oft nicht verfolgbar, weil sie viel zu schnell läuft - und am Ende völlig versiegt.

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