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Tschechows "Kirschgarten"

Leerlauf der Dinge

Michael Thalheimer entkernt Tschechows „Kirschgarten“ in Stuttgart. Doch Thalheimer und die Stuttgarter Schauspieler kommen nicht zusammen.
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Ein Riesenschlund, eine große Klappe, schräg der Boden, schräg die Decke, am Horizont zwölf Schattenfiguren. Das Lied vom Tod erklingt, nein Star Wars, nein, doch Western. Die zwölf kommen nach vorne, leicht drohend, eine Schattengesellschaft. Und stehen plötzlich im kalten Licht. Die Gutsbesitzerin, ihr Bruder, ihre Töchter, Bedienstete, der arme und der reiche Nachbar. Sie stehen und schauen in den Kirschgarten, den ungepflegten, alten, weiß blühenden Kirschgarten. Schauen sehnsüchtig, verträumt, zuversichtlich, gierig oder unbeteiligt. Stille, minutenlang. Nur Bruder Gajew kaut schmatzend vor sich hin. Jeder für sich. Jedem sein Kirschgarten. Jeder hat seine Vergangenheit und seine Zukunft.

Sie reden frontal ins Publikum und wen sie ansprechen, sehen sie nicht an. Sie reden schnell, rasend schnell und eine etwas zu lange Weile kann nur wenig Interesse aufkommen für diese isolierten Figuren, die keine Spannung aufbauen untereinander, die zu oft eher Karikaturen sind, angestrengt um Komik bemüht.

Michael Thalheimer inszeniert endlich in Stuttgart bei Intendant Hasko Weber, der 2001 Schauspieldirektor war in Dresden, als Thalheimer entdeckt wurde und mit einer Dresdener Inszenierung beim Berliner Theatertreffen kometenhaft seine Karriere startete. Doch Thalheimer und die Stuttgarter Schauspieler kommen nicht zusammen. Thalheimers Kunst, in abstraktem Bühnenbild mit stilisierter Sprache und Geste stärkste Gefühle zu entfesseln, den Kern, die Essenz eines Stückes zu treffen, hier läuft sie immer wieder ins Leere, so wie er seine Schauspieler ins Leere laufen lässt.

Man kann nicht anders als an Bibiana Beglau zu denken, die exaltierte, herrlich zickige Ranjewskaja, Herrin des Kirschgartens an der Schaubühne vor zwei Jahren. Denn Anna Windmüller gewinnt keine Kontur, wird nicht zum Mittelpunkt und vielleicht will Thalheimer das auch gar nicht. Sie könnte auch eine russische Bäuerin sein, nur feingemacht im Festtagsschürzenkleid. Zufällig oben, so wie Lopachin zufällig unten ist, der Sohn eines Leibeigenen, der Aufsteiger, endlich Besitzer des Kirschgartens.

Seit hundert Jahren ist Tschechows Kirschgarten ein Symbol für das Ende einer überkommenen Gesellschaftsschicht. Doch wer kommt danach? Der Geschäftsmann, der den Zauber nutzloser Schönheit noch begreift, um ihn umso entschlossener zu vernichten und in Geld umzuwandeln. Markus Lerch ist ein typischer Lopachin, und doch weniger und mehr. Ein Lopachin, der nicht mal bitterzarte Gefühle für die Gutsherrin zeigen darf, was Tschechow mehr als nahelegt. Der nicht zu leben weiß, und in der besten, endlich anrührenden Szene keine Worte findet für Mascha. Minna Wündrichs Mascha kann am schnellsten sprechen, kann knallhart sein, aber vor allem darf sie Gefühle zeigen. Was sich auf ihrem Gesicht abspielt, als Lopachin ihr keinen Antrag macht, entschädigt für vieles und beweist: Gefühl muss sein auf der Bühne. Und Mitgefühl muss sein beim Zuschauer. Wie für die unnachahmliche Würde des alten Diener Firs. Elmar Roloff brummelt sich wie ein kauziger Geist seinem Tod entgegen.

Aber: Warum muss der arme Tollpatsch Jepochodow (Jonas Fürstenau) tatsächlich das ganze Stück hindurch ein Quietschding im Stiefel haben, weil er sich anfangs über seinen quietschenden Stiefel beschwert hat? Holzhammer! Warum müssen fast alle Schauspieler mindestens einmal abrupt in heftigste Bewegungen verfallen? Was nur dem wuchtigen Martin Leutgeb als Gajew in einem langen und doch zu kurzem Solo gelingt. Er singt und singt und tanzt und tanzt vom Kasatschok über Freestyle bis zur Luftgitarre. In unschuldiger Lebensfreude, mag Deutschland nur noch Schulden machen, mag Russland untergehen. Und die Musik spielt dazu, Klaviertropfen, immergleich (Bert Wrede).

Jeder läuft hier seiner Illusion hinterher auf der leeren Bühne, die wie eine Falle zuklappt, bis im letzten Akt alle Akteure mit dem Rücken zur Wand stehen. Große Bilder, wie immer bei Bühnenbildner Olaf Altmann. Verdichtung, , Verkürzung, wie immer bei Michael Thalheimer. Aber nur selten Intensivierung, Inbrunst, Wahrhaftigkeit. Das Tschechowsche Lächeln, das Thalheimer so wichtig ist, es wirkt angestrengt. Doch auch Thalheimers Kirschgarten erzählt etwas. Ohne Historisierung und vor allem ohne Aktualisierung: Die Tatenlosen und die Tatkräftigen, sie unterscheiden sich nicht. Jeder zerstört auf seine Weise, was wichtig ist. Kirschgärten zum Beispiel. Ulrike Kahle-Steinweh

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.01.2010)
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