Admiralspalast : Otto: Das innere Kind

Entwaffnend albern: Otto Waalkes lädt im BerlinerAdmiralspalast zur immergrünen Sketch-Parade.

Philipp Lichterbeck
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Seid ihr alle da? Der 61-jährige Otto, Urvater der deutschen Comedians, im Gespräch mit seinem Publikum. -Foto: Davids

Der Mann kann machen, was er will, der Saal tobt. Die Nummer am Herd etwa: „Wir schlagen einem ahnungslosen Kohlkopf hinterrücks den Schädel ein.“ Oder der Bayer: „Ich hatte zweimal Pech mit Frauen. Die erste hat mich verlassen, die zweite ist geblieben.“ Und dann der Englischlehrer: „She goes professionally online – Sie geht auf den Strich.“ Da trampeln die Zuschauer und johlen, fest entschlossen zum Amüsement.

Und Otto ist es auch. Im fast ausverkauften Admiralspalast spult er seinen Mix aus angespielten Songs und angedeuteten Sketchen ab. Darin ist Otto zuverlässig wie McDonalds und voraussehbar wie die Rolling Stones. Ottos „Angie“ heißt „Dänen lügen nicht“, und sein „Satisfaction“ ist die „Hänsel und Gretel“-Nummer. Da singen 1700 zumeist erwachsene Menschen das alte Kinderlied und klatschen im Takt. Erstmals brachte Otto die Nummer 1983 im ZDF, damals verballhornte er die Lieder der Neuen Deutschen Welle und hatte Einschaltquoten von 50 Prozent. Heute dienen ihm Xavier Naidoo, Lady Gaga und Herbert Grönemeyer als Vorlagen. Doch viel mehr hat sich seitdem nicht an seinen Shows geändert.

Klar, Otto Waalkes, 1948 im Emdener Arbeiterviertel Transvaal geboren, ist nicht mehr der Jüngste. Wenn sein Gesicht in Großaufnahme auf der Leinwand erscheint und er grimassierend „Mein kleiner grüner Kaktus“ persifliert, dabei unnachahmlich die Lippen schürzt, die Nase rümpft und die Brauen wölbt, dann sind da auch seine leicht eingefallenen Wangen, die vielen Falten um die himmelblauen Augen – und eine richtige Platte obenauf hat er nun auch. Doch Otto ist immer noch ein kleiner Junge (wenn auch ein 61jähriger), ein Clown in Turnschuhen, weiter Hose und Schlabberhemd. Ein Clown allerdings, dem jede Traurigkeit abgeht. Vielleicht ist es das, was die Premiere von „Otto Live in Berlin“ dann doch weitenteils so langweilig macht: dass es da „kein Geheimnis aufzudecken“ gibt, wie Otto einmal selbst bekannt hat, „mir fehlt die Tiefe“.

Otto mag ein Kindskopf sein, ein Dummkopf ist er nicht. Er weiß, warum viele ihn für eine traurige Gestalt, ein Relikt der alten Bundesrepublik, halten. Er erzählt von seinem Besuch bei „Wetten dass ...?“ und wie er sich mit Thomas Gottschalk unterhalten habe, wie das so sei als Berufsjugendlicher, der immer gut drauf sein müsse. „Und danach haben wir von mir gesprochen“, sagt Otto. Gute Pointe. Mit einem wahren Kern. Denn es gibt keinen Unterschied zwischen dem Bürger Otto Waalkes und Otto auf der Bühne. Waalkes kehrt das innere Kind nach außen. „Meine Eltern haben sich sehr geliebt“, sagt er einmal. „Bei uns war es normal, dass wir uns umarmten und küssten.“ Diese Herzlichkeit gibt Otto weiter, und es ist kein Zufall, dass er immer wieder neue Generationen von Kindern anzieht. Im Admiralspalast strömen sie schüchtern nach vorne, als Otto Ottifanten verteilt. „Hallo Kinder“, ruft er. „Hallo Otto“, tönt es hell aus Hunderten Kehlen zurück.

Nun gibt es ja zwei Denkschulen, was die Wiederholung betrifft. „Eine Sache zu oft gesagt, schmerzt in den Ohren“, sagt ein altväterliches Sprichwort. Der Lateiner weiß hingegen: Repetitio est mater studiorum – die Wiederholung ist die Mutter der Lernens. Ergo: der Perfektion. Das gilt für Otto. Die Gerichtsszene bringt er in atemberaubendem Tempo: „Hohes Gewicht, liebe Geschwollenen, Angenagter! Ihnen wird zur Last gelegt, sie hätten an dem Mast gesägt.“

Das gehört zum Besten, was Otto je gemacht hat. Allerdings stammen die Reime auch aus einer Zeit, als er mit dem großen Wortschmied Robert Gernhardt und allerlei Titanic-Autoren zusammenarbeitete. Damals, in den Siebzigern und Achtzigern, da war Otto Dada, da war er Anarchist. Er zertrümmerte ganze Kücheneinrichtungen, nahm das „Wort zum Sonntag“ aufs Korn und machte Faxen, die weder zum Mief der Konservativen noch zur politischen Verbissenheit der Achtundsechziger passen wollten. Dabei war Otto selbst ein Achtundsechziger, er befreite uns von Prüderie und deutschem Ernst . Und jetzt? Ist er eben ein Altachtundsechziger, und vieles wirkt dementsprechend nur noch altbacken. Zudem fragt man sich bei den vielen Zoten dann irgendwann doch, was die Kinder wohl zu Hause für Auskünfte einfordern werden. Da sollen etwa zwei Ottifanten ein Wort mit „Sachsen“ bilden. Heraus kommt: „Der Pornostar hat im Vertrag stehen, im Film muss man auch seinen Sack sehen.“ Oder: „Ich habe mir ein Penisvergrößerungsgerät bestellt. Da haben sie mir eine Lupe geschickt.“ Oder auch: „Ich liebte ein Mädchen aus Grunewald, da wurde mir die Harpune kalt."

Das alles trägt Otto mit entwaffnender Albernheit auf fast leerer Bühne (Barhocker, Mikro, Pult) vor, flankiert von sechs Ottifanten. Keineswegs aber hat er dabei den verächtlichen, aggressiven Ton eines Mario Barth. Zwar wird Otto oft vorgeworfen, dass er der Wegbereiter des grassierenden Comedy-Mittelmaßes sei. Was ihn dann allerdings doch entscheidend von den Comedians jüngeren Semesters trennt (und mit Größen wie Helge Schneider eint), ist seine Musikalität. Er ist ein exzellenter Sänger, Gitarrist und Pianist. Warum er das nie ausgebaut hat, bleibt ein Rätsel, das einzige große Geheimnis des Otto Waalkes.

Nach der zweistündigen Show unterhalten sich im Foyer zwei Ehepaare um die fünfzig. Man habe sich Karten für Kurt Krömer besorgt, sagt das eine Paar, der mache ja auch ganz schön Blödsinn. „Aber Ottos Blödsinn ist einfach am blödesten“, erwidert das andere.

Weitere Auftritte im Admiralspalast: heute 19 Uhr, 31. August, 3. bis 5.September 20 Uhr, 6. September 18 Uhr.

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