Akademie der Künste : Einmal um die Welt

Brigitte Maria Mayer und ihre Filminstallation „Anatomie Titus Fall of Rome“. Bei der Premiere in der Berliner Akademie der Künste herrschaft erst Verwirrung.

Andreas Schäfer
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Anspruch, Vorbereitungszeit, Finanzierung und Präsentation waren von ungewöhnlicher Opulenz. Vier Jahre hatte Brigitte Maria Mayer, Fotografin und Witwe Heiner Müllers, für die filmische Inszenierung „Anatomie Titus Fall of Rome“ nach einem Text von Heiner Müller, der sich wiederum auf Shakespeares erstes, bluttriefendes Schlachterstück „Titus Andronicus“, bezieht, konzipiert. Sie war – unterstützt vom Hauptstadtkulturfond, dem Medienboard Berlin Brandenburg und der Allianz Kulturstiftung – zu Filmaufnahmen nach Ägypten, Zentralafrika, Abu Dhabi und China geflogen, hatte in Berlin mit der französischen Schauspielerin Jeanne Moreau, mit Erdal Yildiz, dem Chinesen Zhao Jia und Anna Müller, der Tochter von ihr und Heiner Müller, gedreht. Sie hatte mit Tänzern vom Corps des Staatsballett und dem Paul Dessau-Chor gearbeitet und den Komponisten FM Einheit um atmosphärische Hintergrundklänge gebeten – um der Frage aller Fragen auf die Spur zu kommen: „Was hält Gesellschaften zusammen?“

Der Vorraum der Akademie der Künste am Pariser Platz ist rappelvoll, gleichzeitig schauen die Wartenden etwas verwirrt. Wo findet hier eigentlich was genau statt? Ein Herr erklimmt die Treppe und lobt Mut und Ausdauer Brigitte Maria Mayers. Dann hat Kulturstaatssekretär André Schmitz das Wort, der die Regisseurin für ihren Schönheitssinn lobt. Schließlich tritt sie selbst mit ihrer Tochter ans Mikrofon, und Anna liest auf Englisch einen Brief von Jeanne Moreau vor, die eigentlich auch hier sein wollte, aber wegen Dreharbeiten nicht kommen konnte.

Kurze Zeit später wird man Jeanne Moreau in einem der hinteren Säle auf einem der drei riesigen, deckenhohen Projektionsflächen in einem Seidengewand sehen. In einem leeren, blau ausgeleuchteten Raum spricht sie auf Französisch Sätze von Heiner Müller und schließt ihre lila geschminkten Lippen in Zeitlupe um den Filter einer Zigarette, während die Flächen rechts und links Bilder von asiatischen Skylines oder rituellen afrikanischen Hundeopferungen zeigen.

Das Programmheft weist Jeanne Moreau als Tamora aus, die stolze (barbarische) Gotenkönigin, die sich nach ihrer Verschleppung ins marode (aber zivilisierte) Rom heimtückisch rächt und ein ganzes Reich zum Einsturz bringt. Von der Handlung des Stückes bleibt in dieser Installation freilich nichts als der Grundkonflikt, Erste gegen Dritte Welt, den Mayer allerdings umdreht: Statt auf die vermeintlichen Barbaren zu warten, reist sie selbst in die vermeintlich rückständige Welt, um die „Problematik eines eurozentrischen Weltbildes zu zeigen“. Das ist zweifellos ein legitimes und vielleicht sogar tatsächlich mutiges Anliegen und liest sich – auch ohne Zweifel – schick auf einem Förderungsantrag. Nur bleibt es bei der hochfahrenden Geste, denn die Umsetzung kann – zurückhaltend formuliert – nicht überzeugen.

Ein Mal um die Welt fliegen. Das ergibt zwar einen Kreis, garantiert aber nicht automatisch Sinnhaftigkeit. Afrikanische Auszubildende, die vor der Arbeit zum Morgenappell antreten. Asiatische Bauarbeiter, die vor einer atemberaubenden Wolkenkratzer-Kulisse die Schippe in den Sand von Abu Dhabi stoßen. Mädchen, die vor einer islamischen Hochzeit singend um die Braut tanzen. Kommentarlos rahmen diese Bilder, denen man das ratlose Staunen der Regisseurin ansieht, die hochartifizielle Statuarik im Mittelteil des Triptychons ein.

Die 16-jährige Anna Müller (Lavinia) in einem barocken Reifrock aus Fell, regungslos, mit dünner Stimme die Sätze ihres Vaters sprechend: „Die Toten steigen aus der Scheiße Roms“, während halbnackte männliche Tänzer sich zu ihren Füßen winden und der Chor aus dem Off ein bisschen Einar-Schleef-Dringlichkeit simuliert. Irgendwie soll der Bombast natürlich etwas evozieren, das mit Heiligkeit oder – um mal die Kitschrhetorik des Abends aufzugreifen – mit der Hohlform ihrer Abwesenheit zu tun hat. Statt zum Heiligen öffnet sich die Tür aber zu einem Familienraum, dessen Privatheit nur bedingt etwas mit Kunst zu tun hat.

Noch bis 24. Mai. Am heutigen Sonntag führt die Regisseurin um 18 Uhr durch die Ausstellung. Danach findet ein Gespräch über „Die westliche Weltordnung von Peking und Kairo aus betrachtet“ statt.

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