Albrecht Mayer : Herz & Holz

Amore d’Oboe: Dem Solo-Oboisten Albrecht Mayer ist es gelungen, zum größten Star der Berliner Philharmoniker aufzusteigen. Angefangen hat er als kleiner Junge, weil er Sprachprobleme hatte.

Frederik Hanssen
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Doppelleben. Albrecht Mayer genießt es, sowohl als Orchestermusiker wie als Solist arbeiten zu können. -Foto. Universal

Es gibt wenig, was so unsexy aussieht wie ein Oboist bei der Arbeit. Schmallippig werden zwei Holzstückchen in Schwingung versetzt, mit 150 Milliliter Druckluft pro Sekunde. Cellisten und Bassisten umarmen ihr Instrument, die Harfenistin greift mit beiden Armen in die Saiten, Blechbläser und Flötisten sehen aus, als küssten sie das Metall. Oboisten pressen.

Dennoch ist es Albrecht Mayer, dem Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, gelungen, zum Klassikstar aufzusteigen. Seine Kollegen wissen, warum: „Albrecht versteht es, auf unnachahmliche Weise Tonschönheit und musikalische Intelligenz zur Synthese zu bringen“, schwärmt Cellist Ludwig Quandt. Und der Bratscher Wilfried Strehle ergänzt: „Er ist der umfassendste Oboist, den wir jemals hatten. Ich kenne keinen, der so fantastische Pianissimi auf einem Holzblasinstrument spielen kann wie er.“ Vor allem aber kann Albrecht Mayer auf seiner Oboe hinreißend singen. Schon als Knirps hat er im Bamberger Domchor mitgemacht, im Studium hat er auch Gesangsunterricht genommen, sogar sein eigenes Vokalquartett gegründet. Dieses Wissen bringt er in sein Oboenspiel ein, um dem Klang jenen quäkenden Unterton auszutreiben, der einst Sergej Prokofjew dazu bewogen hat, in seinem Märchen von „Peter und dem Wolf“ die Ente von einer Oboe darstellen zu lassen.

Weil Albrecht als Kind stottert, will sein Vater, ein Bamberger Kinderarzt, ihn ein Holzblasinstrument lernen lassen. Der Musiklehrer schlägt die Oboe vor. Es dauert kein halbes Jahr, da ist Albrecht Mayer kaum noch von seinem Instrument zu trennen. An seiner Tür hängt ein Schild „Ich liebe meine Oboe“. Manchmal müssen die besorgten Eltern ihn zwingen, eine Spielpause einzulegen.

„Es ist eine Schmach sondergleichen“, erinnert er sich, „wenn man eigentlich alles weiß – und dann ruft Dich der Lehrer auf, und es geht nicht: Du kannst es nicht sagen.“ Auf der Oboe dagegen kann er problemlos in ganzen Sätzen sprechen, Melodiebögen formen, sich frei ausdrücken. Nach nur zwei Jahren Unterricht gibt Albrecht Mayer sein erstes Konzert, in einer Kirche, und bekommt dafür sogar eine Gage. Die Oboe hat den gehemmten Jungen aus Franken sozialisiert. Sie ist sein Medium geworden, hat ihm Selbstbewusstsein gegeben, hat ihm geholfen, zu dem eloquenten Gesprächspartner zu werden, der er, als 44-Jähriger, heute ist.

1990 kann Albrecht Mayer seine erste Stelle antreten, zu Hause, bei den Bamberger Symphonikern. Er ist 25 und er genießt die familiäre Atmosphäre im Orchester. Als jedoch keine zwei Jahre später die Position des Solo-Oboisten bei den Berliner Philharmonikern frei wird, bewirbt er sich – und wird genommen. Am 23. August 1992 tritt er das Probejahr an, das jedes Mitglied der Elitetruppe durchlaufen muss. Ab diesem Tag wird er endgültig erwachsen, unter Schmerzen.

Es ist die ganz große Umbruchzeit, auf Herbert von Karajan, den unnahbaren Pultgott, folgt Claudio Abbado, der sanfte Italiener, der den verblüfften Musikern das Du anbietet. Albrecht Mayer fühlt sich bei Abbado sofort verstanden und aufgehoben. Als er in der Probe tatsächlich die Stimme erhebt, um „Claudio“ eine interpretatorische Detailfrage zu stellen, erstarren die älteren Kollegen, die gefühlte Temperatur im Saal sinkt um mehrere Grad. „Nach einem Auftritt“, erzählt Albrecht Mayer, „sprachen mich zwei Kollegen an. Der erste sagte: ,Das war ja alles gut und schön, aber wir spielen hier mit mehr Vibrato. Hören Sie sich mal alte Aufnahmen an!'' Kaum war er verschwunden, kam der zweite und sagte: ,Das war ja alles gut und schön, aber wir spielen hier mit weniger Vibrato. Hören Sie sich mal alte Aufnahmen an.’“

Mehr als einmal ist Mayer in dieser harten Anfangsphase kurz davor aufzugeben. Doch er beißt die Zähne zusammen - und wird zu einer Schlüsselfigur der neuen Philharmoniker, die sich unter Abbado radikal verjüngen. Wenn der aktuelle Orchesterchef Simon Rattle Albrecht Mayer als „einen der besten Oboisten aller Zeiten“ preist, dann meint er damit nicht nur einen gereiften Musiker, der auf seinem Doppelrohrblattinstrument betörende Klänge zaubern kann, sondern auch einen Künstler, der wie kaum ein zweiter für die Klassik des 21. Jahrhunderts steht.

Albrecht Mayer nämlich kann sich ebenso ins Ensemble einfügen wie als Solist glänzen, er vertieft sich in anspruchsvolle Kammermusik-Literatur und vermag Jugendlichen sein Instrument zu erklären. Und er akzeptiert die Regeln der PR-Strategen, wenn es darum geht, seine Medienpräsenz zu maximieren. Er spielt open air am Spreeufer, hat Geduld für aufwendige Foto-Sessions, ja, er dreht sogar nachts in einer von hunderten Kerzen erleuchteten Kirche ein Musikvideo, das als Bonus-DVD seiner aktuellen CD beigelegt werden kann.

Auch darum ist Albrecht Mayer mittlerweile das bekannteste Gesicht der Berliner Philharmoniker. Längst verdient er mit seinen Solo-Projekten mehr Geld als im Orchester. Aber er genießt sein Doppelleben. „Seit ich als Solist herumreise, genieße ich es, in der Gruppe zu spielen. Weil der Druck weg ist, den man sich selber macht, wenn das einzige Ziel darin besteht, Solo-Oboist der Philharmoniker zu sein.“ Schon während des Probejahrs hatte er beschlossen, die Philharmoniker nicht, wie viele Kollegen, zum Familienersatz zu machen.

Das gibt ihm Zeit für seine Projekte. Weil es jenseits der Barockmusik nur wenige Oboenkonzerte gibt, erfindet sich Albrecht Mayer sein Repertoire weitgehend selber. Vor allem, indem er im Bereich der Vokalmusik wildert. Sein erstes Konzeptalbum war 2003 eine Bach-CD, für die er sich aus Werken des Thomaskantors „Lieder ohne Worte“ arrangieren ließ. Danach widmete er sich Mozart und Händels Opern. Gerade hat er sein fünftes Album veröffentlicht, das wiederum Johann Sebastian Bach gewidmet ist, dem sich der praktizierende Christ Albrecht Mayer seelenverwandt fühlt.

Diesmal hat er sich durch die Kantaten gearbeitet, ein Jahr lang, immer mit dem Ohr dafür, was seinem Instrument liegen könnte. Mit dem Arrangeur Andres Tarkmann sind so drei neue Konzerte für Oboe, Oboe d’amore und Englischhorn entstanden. Seine Plattenfirma fand die Idee prima: Was gibt es Besseres für die dunkle Jahreszeit? Lichterkette anknipsen, Albrecht Mayer auflegen, entspannen bei besinnlichen Klängen.

Am liebsten wäre es dem Künstler natürlich, wenn die Hören mitsingen würden, wenigstens bei den Chorälen, die auf der CD zwischen die Instrumentalstücke gestreut sind. Denn es wird heute ja viel zu wenig gesungen. Und auch zu wenig geredet, vor allem in den Familien. Man muss ihm nur das richtige Stichwort liefern, dann kommt Albrecht Mayer richtig ins Lamentieren. Umgekehrt proportional zu seinem gesellschaftlichen Aufstieg – von der ersten Berliner Bude in Neukölln über die Altbauwohnung im Kreuzberger SO36- Kiez bis zum Bungalow im feinen Schlachtensee – ist er mehr und mehr zum Kulturpessimisten geworden. Seine Art, ihm zu begegnen, ist es, öffentlich aufzutreten. So oft wie möglich. „Ich diene keinem Komponisten, ich diene nur dem Publikum. Denn nichts macht mich so glücklich wie die Anerkennung durch den Applaus.“

Albrecht Mayers Bach-CD ist bei Decca erschienen. Am 13. Dezember spielt er das Programm im Kammermusiksaal. Bereits vom 5. - 7. November ist er wieder mit den Berliner Philharmonikern zu erleben.

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