Andenken : Anne Sofie von Otter mit Liedern aus Theresienstadt

Natürlich ist die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter nicht Veronika Ferres, die mit dicker Tränendrüse im Gepäck neuerdings am liebsten den deutschen Geschichtsunterricht übernehmen möchte. Gleichwohl hat ein Liederabend-Programm mit Musik aus Theresienstadt seine Betroffenheits-Tücken.

Christine Lemke-Matwey

Dass von Otter diesen Tücken nur anfänglich erliegt, etwa indem sie sich überschwänglich beim Publikum im Kammermusiksaal fürs Kommen bedankt (als sei dies eine Leistung oder gar eine Frage der Gesinnung) und auch ein bisschen zu viel über die einzelnen Komponisten und ihre tragischen Lebenswege redet, ist die erste Beruhigung an diesem Abend.

Die zweite stellt sich gleich nach dem „Terezín-Lied“ ein, einer textlichen Parodie auf den Schlager „Komm mit nach Varasdin“ aus Emmerich Kálmáns Operette „Gräfin Maritza“. In Theresienstadt, einem Durchgangslager, in dem sich hauptsächlich Künstler und Intellektuelle zusammengepfercht sahen, gab es bei aller Verzweiflung eben auch Witz, Humor, Leben, Tänze auf dem Vulkan, es wurde gelacht – offenbar mehr als nun im Kammermusiksaal.

Ilse Weber, Karol Svenk, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Karel Berman, Pavel Haas – das Programm, das von Otter zusammengestellt hat (mit dem Pianisten Bengt Forsberg, dem Geiger Daniel Hope sowie Bebe Risenfors an Gitarre, Kontrabass und Akkordeon), liest sich wie ein „Who’s who“ der entarteten Musik. Dabei zeigt es vor allem eins: Individualität. Weber schreibt traumverlorene (Kinder-)Lieder, Svenk den Theresienstadt-Marsch, Ullmann tupft impressionistische Sonette ins Grauen, Berman begeistert mit einer innigen, harmonisch äußerst reizvollen Klavier-Suite. Eindrücklich auch, wie Daniel Hope sich von Schulhoffs Solo-Sonate quasi attacca ins Siciliano von Bachs c-Moll Geigensonate hinüberschwingt.

Von Otters schlichter Mezzo mag sich bei manch heftigerem Ausbruch schwer tun, auch ist das Bitterkomische nicht ihr ureigenstes Element. Noch immer aber steht bei solchen Konzerten das politisch korrekte Engagement, der Zeigefinger vor jeder künstlerischen Leistung. Mit der Ernsthaftigkeit ihrer Auseinandersetzung hat die Schwedin jetzt auch musikalisch einen Schritt in Richtung Zukunft getan. (Terezín/Theresienstadt ist bei der Deutschen Grammophon auf CD erschienen.)

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