Apfel des Bösen : Amoklauf mein Kinderspiel

Die Regisseurin Felicitas Brucker hat „Amoklauf mein Kinderspiel“ vor anderthalb Jahren im Hamburger Thalia an der Gaußstraße inszeniert. Jetzt, nach mehreren Verschiebungen wegen Krankheit, erfolgt die Übernahme in die Box des Deutschen Theaters, wo ihre Arbeit ungebrochene Wirkung zeigt.

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„Die Jugend ist bekanntlich eine heftige und gefährliche Zeit“, schreibt der französische Star-Misanthrop Michel Houellebecq im Briefwechsel mit seinem Landsmann Bernard Henri-Lévy, „manche Jugendliche verbringen ihre Nachmittage einsam in ihrem Zimmer und hören Heavy Metal, um im schlimmsten Fall zwanzig ihrer Mitschüler mit einer Maschinenpistole abzuknallen.“ Klingt zynisch, und so ist es auch gemeint. Aber natürlich ist dem Amoklauf selbst die Menschenverachtung derart eingeschrieben, dass der sarkastische Reflex näher liegt als der Verständnisversuch aus dem Geiste des Humanismus.

„Amoklauf mein Kinderspiel“, so hat der junge Autor Thomas Freyer einen Text genannt, mit dem er 2006 den Förderpreis beim Stückemarkt des Theatertreffens gewann und das seitdem an etlichen kleinen Bühnen gespielt wurde. Auch dieser Titel hat, in all seiner Mehrdeutigkeit, einen bitteren Beiklang. Thomas Freyer wurde durch die Ereignisse in Erfurt zu seinem Dreipersonen-Stück angeregt. Aber es geht ihm weniger um den konkreten Fall, als vielmehr um die heißlaufende Spurensuche, die immer einsetzt, wenn wieder irgendwo ein junger Kerl bewaffnet in seine Schule marschiert ist – und die im Zweifelsfalle den Zynismus toppt: etwa, wenn ein Johannes B. Kerner kurz nach der Erfurter Bluttat einem traumatisierten Kind das Mikro unter die Nase hält.

Die Regisseurin Felicitas Brucker hat „Amoklauf mein Kinderspiel“ vor anderthalb Jahren im Hamburger Thalia an der Gaußstraße inszeniert. Jetzt, nach mehreren Verschiebungen wegen Krankheit, erfolgt die Übernahme in die Box des Deutschen Theaters, wo ihre Arbeit ungebrochene Wirkung zeigt. Felicitas Brucker geht klug mit dem Text um, indem die Regisseurin ihm noch den letzten Rest an Schockwillen austreibt, die aufgestellten Psychologisierungs-Fallen umtanzt, und ganz auf eine absurde, surreale Atmosphäre setzt.

In einer ranzigen Sportumkleidekabine vor der Spindwand (Bühne: Valerie Hess), wie ein Tatort mit Polizeiabsperrband gesichert, schwitzen sich drei namenlose Schüler ihren Autoritätenüberdruss aus dem Leib. Die Eltern beten das „Man lebt“-Mantra, laden den Einkaufswagen im Kaufland voll und träumen vom All-inclusive-Urlaub. Die Lehrer sind als zweitrangige IM enttarnt und auch nicht mehr ernst zu nehmen.

Brucker erzählt aber nicht von ostdeutscher Orientierungslosigkeit, von einer lost generation zwischen Vergangenheitslast und Zukunftsangst. Ihre Pennäler-Schauspieler treten vielmehr im Look der Hamburger Schule an (Kostüme: Irene Ip), im Dresscode fürs Tocotronic-Konzert. Ihre Aussage lautet: Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben. Die Stimmung: ein zeitloser Frust des Erwachsenwerdens, irgendwo zwischen „Frühlingserwachen“ und „Krankheit der Jugend“.

Bis sich die unterschwellige Aggression immer mehr Bahn bricht und vom Pausenapfel-Zerwürfnis geradewegs in handfeste Amokfantasien führt, die ebenso Realität sein könnten, die Ungewissheit gehört zum Spiel. Auch diese schwer munitionierten „Headshot“-Visionen kontert die Regisseurin aus, indem sie, statt auf Ego-Shooter-Ästhetik zu setzten, bloß schiefe Kinderzeichnungen vom Overhead-Projektor an die Wand werfen lässt.

Vor allem ist der Abend grandios gespielt. Ole Lagerpusch, die neu besetzte Olivia Gräser sowie Gabor Biedermann verausgaben sich auf mal komische, mal beklemmende Weise in diesem Gruppendruck-Reigen, der zweierlei spürbar macht: dass Gewalt ziemlich schnell dort entsteht, wo Menschen sich langweilen. Und dass es dennoch für keinen Amoklauf je eine befriedigende Erklärung geben wird. „Seltsame Menschen, die eure Kinder sind“, heißt es einmal lapidar im Stück. Wer sich andere Antworten erhofft, ist im Deutschen Theater wohl fehl am Platz. Ein schaler Geschmack bleibt freilich zurück, denn Thomas Freyers Stück nimmt auf seine Art durchaus teil am großen, zynischen Spiel mit dem Schrecken.

Nächste Vorstellungen: am 24. Januar sowie 16. und 17. Februar.

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