Auszeichnung : Innenansichten einer Schauspielerin

Zum 15. Mal wurde am Sonntag der mit 5000 Euro dotierte Alfred-Kerr-Darstellerpreis für den besten Nachwuchsschauspieler des Berliner Theatertreffens verliehen. Jutta Lampehält eine Lobrede auf die Gewinnerin Kathleen Morgeneyer.

Jutta Lampe

Zum 15. Mal wurde am Sonntag der mit 5000 Euro dotierte Alfred-Kerr-Darstellerpreis für den besten Nachwuchsschauspieler des Berliner Theatertreffens verliehen. Allein-Jurorin der von der Alfred-Kerr-Stiftung gemeinsam mit dem Tagesspiegel initiierten Auszeichnung war die Berliner Schauspielerin Jutta Lampe. Grußworte sprach im Berliner Festspielhaus die aus London angereiste Tochter des legendären Großkritikers Alfred Kerr, die heute 85-jährige Schriftstellerin Judith Kerr. Vor der hier abgedruckten Laudatio las Martina Gedeck, Jurorin des Jahres 2007, aus neu edierten Essays von Alfred Kerr, die im Sommer in der von Günther Rühle herausgegebenen Kerr-Gesamtausgabe im S. Fischer Verlag erscheinen werden („Sucher und Selige, Moralisten und Büßer“).

Ich habe mich sehr gefreut, als man mich anrief, um zu fragen, ob ich Jurorin für den diesjährigen Alfred-Kerr- Preis sein möchte. Es klang verlockend und aufregend, dass ich diese Aufgabe allein übernehmen sollte. Darin liegt natürlich eine große Verantwortung. Doch es war für mich eben auch eine große Freude, weil ich – als Schauspielerin selber zum ersten Mal in der Rolle einer Jurorin – sehr aufmerksam hinsehen musste, um das Gesehene und Gefundene auch beschreiben zu können.

Seit einiger Zeit beobachte ich sehr wach bei den jungen Kollegen eine zunehmende Selbstständigkeit und großes Selbstbewusstsein, was mich sehr verwundert, weil unsere Generation nicht mit so viel Freiheit aufgewachsen ist. Es gab mehr Autorität und Ängstlichkeit, wir kannten dieses Selbstbewusstsein nicht. Darum macht es mich glücklich, wenn ich diese Kraft und Liebe zu unserem Beruf bei ihnen spüre.

Dieses Theatertreffen hatte viele junge Gesichter. Oft allerdings traten sie wie im Kafka-„Prozess“ der Münchner Kammerspiele oder bei den Hamburger „Räubern“ nur im Chor auf – wenige haben sich als Einzelne dabei in den Vordergrund gespielt.

Ganz besonders ausgeprägt fand ich allerdings die Ausstrahlung einer jungen Schauspielerin, die ich während des Theatertreffens zum ersten Mal gesehen habe. Mit großer Ernsthaftigkeit entwickelt sie ihre Figur, die mit einer anfänglichen wunderbaren Schwärmerei für ihren zukünftigen geliebten Beruf und ihren Träumen beginnt. Im Laufe des Abends sehen wir die Entwicklung einer Frau, die durch große Klarheit und Ehrlichkeit ihrer Situation gegenüber zeigt, dass sie erwachsen geworden ist. Sie hat gelitten, sie fürchtete verzweifelt, dass sich ihre Schauspieler-Träume nicht erfüllten. Aber sie entzieht sich dennoch nicht der Wahrheit, sondern steht zu ihr.

Die junge Schauspielerin, die ich meine, ist in ihrer Zartheit und Sensibilität und Stärke außerordentlich glaubwürdig. Das heißt: Sie spielt nicht, nein, sie lebt auf der Bühne.

Ich spreche von Kathleen Morgeneyer. Sie hat mich als Nina in „Die Möwe“ von Anton Tschechow in der Inszenierung Jürgen Goschs am Deutschen Theater Berlin sehr berührt.

Wo kommt sie her? Aus Chemnitz. Sie lebte auch in Leipzig, und bereits als junges Mädchen war sie so theaterbegeistert, dass sie schon früh das Gymnasium verließ, um auf eine Schauspielschule zu gehen. Über ihre Bewerbung an der Ernst-Busch-Schule sagt sie selbst: „Hat aber nicht geklappt, da war ich gerade siebzehn. Da haben die gesagt, ich soll nochmal wiederkommen. Das habe ich aber sechs Jahre nicht gemacht. In der Zeit war ich Pantomime.“

Nach diesen sechs Jahren hat sie sich schließlich doch erneut an der ErnstBusch-Schule vorgestellt, vor allem „weil ich gerne von Anfang an eigentlich mit Sprache arbeiten wollte“. Und sie wurde sofort angenommen.

Welch ein Glück für die Theaterwelt. Welch ein Glück für das Deutsche Theater Berlin und vor allem für das Düsseldorfer Schauspielhaus, zu dessen Ensemble Kathleen Morgeneyer gehört.

Jutta Lampe gehörte 30 Jahre dem Schaubühnen-Ensemble an. Derzeit spielt sie am Schauspielhaus Zürich in Zadecks „Major Barbara“.

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