Bebelplatz : Oper für alle

"Tristan und Isolde" auf dem Bebelplatz: Einmal im Jahr kann man das machen, sagt Daniel Barenboim. Die Aktion "Staatsoper für Alle" sei eine humanistische Geste.

Udo Badelt

Am Anfang passt es überhaupt nicht. Der Berliner Himmel strahlt hell und blau, Daniel Barenboim setzt an, und es erklingt – der Tristan-Akkord. Wie bitte? „Tristan und Isolde“ auf Großbildleinwand und auf dem Bebelplatz? Ausgerechnet dieses Werk, das doch mit dem lichten Tag so gar nichts anfangen kann, das mit jeder Note die süße Nacht herbeisehnt und den Tod so sehnsuchtsvoll verklärt? Geht gar nicht – da funktioniert der kulturkritische Reflex sofort. Nichts ist weniger spektakeltauglich als diese Oper, die sich gegen schnelles Verstehen und schnelles Vergessen sperrt. Wie soll man Waltraud Meier und Ian Storey in die Nacht der Liebe folgen, wenn man damit beschäftigt ist, den Senf nicht von der Bratwurst tropfen zu lassen? Wie Isoldes Liebestod begreifen, wenn sich im Hintergrund ein ahnungsloses Blaulicht aufführt, als sei es das Wichtigste auf der Welt? Wenn ein Sponsor mit gewaltigen Werbeplakaten seine eigene Parallelinszenierung aufführt?

Sicher, das Theater entstand in der Antike unter freiem Himmel. Nicht jedoch die Oper. Auch wenn die Sommer-Arenen von Orange und Verona dagegen sprechen mögen: Als künstlichste aller Kunstformen war die Oper immer auf künstliche Räume angewiesen, um ihre ganze Wirkung zu entfalten. Und gerade Wagner hat dieses Konzept mit dem Bayreuther Festspielhaus ja auf die Spitze getrieben. Noch die Deutsche Oper Berlin ist in diesem Geist erbaut: Vollständige Abschottung, um die Konzentration auf die Kunst zu ermöglichen. Wenn nun die Sänger nur mehr als platonische Schattenwesen über die Leinwand flimmern – ist das dann noch ein Kunstereignis?

Einmal im Jahr kann man das machen, sagt Barenboim. Die Aktion „Staatsoper für Alle“ sei eine humanistische Geste. Andererseits: Seit seinen höfischen Anfängen ist Musiktheater elitär. Es braucht Zeit, um rezipiert zu werden, und es widersetzt sich bis heute – zum Glück – der schnellen Eventisierung. Viele sagen, die Oper muss sich der Gegenwart öffnen. Ob sich die Gegenwart der Oper öffnen muss, diese Frage wird viel seltener gestellt.

Inzwischen veranstaltet selbst Bayreuth sein eigenes Public Viewing. Und es hat ja auch seine Reize: Es ist umsonst, man kann auftauchen und jederzeit gehen. Auf dem Bebelplatz macht sich am Sonnabend allerdings kaum einer davon. Zwar sind nicht so viele Besucher gekommen wie in den letzten beiden Jahren – aber fast alle bleiben bis zum Schluss, und sie erdulden danach auch noch einen Moderator, der von den Erschütterungen der Musik offenbar gänzlich unbeleckt geblieben ist und die Sänger wie Popstars vorstellt. Eine schöne Erkenntnis: Wer hierherkommt, will wirklich „Tristan und Isolde“ hören. Jedes Werk findet sein Publikum, offenbar auch unter freiem Himmel. Und inzwischen ist es sogar Nacht geworden. Udo Badelt

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