"Berlin Herrmannplatz" : Imbiss für immer

Das Theaterprojekt "Berlin Hermannplatz" bildet die Fülle des Berliner Lebens ab.

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Der Alexanderplatz war einmal Synonym für die Weltstadt Berlin. Das ist lange her, nach dem Krieg und der totalen Neugestaltung seines städtischen Umfelds ist er heute ein weitgehend sinnentleerter Tummelplatz für Elektronikversessene, BVGUmsteiger und Touristen. Viel eher eignet sich da schon der Hermannplatz und das intakte urbane Gewebe, in das er eingebettet ist, um die Fülle des Berliner Lebens abzubilden. Genau das tun jetzt die Regisseurinnen Anne Verena Freybott und Stefanie Aehnelt, die den Heimathafen Neukölln gegründet haben, mit ihrem Projekt „Berlin Hermannplatz“. Sie lassen – in der Probebühne des Heimathafens in der Hasenheide 9 – sieben Bewohner auftreten und ihre Lebensgeschichten erzählen. Es sind nur Fragmente, Fetzen, nichts wird zu Ende gebracht, stattdessen einfach ausgeblendet, bevor der nächste mit dem Sprechen einsetzt. Einer behauptet, er hätte seine ganze Kindheit im Elektroniksupermarkt Conrad verbracht, ein anderer überlegt, welche Strecke sich ergeben würde, wenn man alle in den letzten 25 Jahren in der Imbissbude am U-Bahnausgang gebackenen Kartoffelpuffer aneinanderlegt, eine Dritte erzählt, sie hätte einen Schock bekommen, als sie erstmals Bilder des alten Karstadt aus den Zwanzigerjahren sah: Das war ja nicht bloß geplant, sondern hatte da wirklich schon gestanden!

Scheinbar unzusammenhängende Geschichten nebeneinanderzustellen ist nicht neu, doch es funktioniert nach wie vor: Aus den Bruchstücken, den oft banalen Geschichten von Liebe und Schlafen in der Hasenheide, von durchgeknallten Mietern im Erdgeschoss, dem Trinker, der schon seit 20 Jahren in der gleichen Jacke rumläuft, den Freunden, die im Urbankrankenhaus liegen, entsteht ein aus dem Leben gegriffenes, blitzhaftes Abbild der Gegenwart der Stadt. Franz Biberkopf aus Döblins Roman sucht man an diesem Abend zwar vergeblich. Dafür löst das Projekt den Anspruch des Heimathafens, Berliner Volkstheater zu beleben, im besten Sinne ein. Die Laiendarsteller leben alle in Neukölln, wurden über Anzeigen gecastet, ihr Text orientiert sich an Interviews, die auf dem Hermannplatz geführt wurden. Dazu liefert das Kollektiv „Zentralflughafen“ einen urbanen Sound, der Verkehrslärm mit elektronischen Beats und klirrendem Glas mischt. Zu diesen Klängen gucken am Ende alle aus dem Fenster auf den Platz und sehen Flussläufe, Kinder, grasende Pferde, Nordlichter. Es ist eine Vision, doch eigentlich ist es eine Liebeserklärung. Udo Badelt

Wieder am 11., 12., 18.-20, 25. und 26.3.

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