Berliner Ansichten : Emma Stibbon im Ephraim-Palais

Berliner Ansichten der britischen Künstlerin Emma Stibbon im Ephraim-Palais. Urbanität und Natur sind bei Emma Stibbon nie unvereinbare Gegensätze. Treibeis oder Stadtverkehr, Eismeer und Prenzlauer Pfütze, all das scheint in dieser Kunst zusammenzufließen.

Jens Hinrichsen

Vielleicht ist es ein Krimi: Schlimmes hat sich in Berlin zugetragen, vermutet man, irgendwo zwischen Friedrichshainer Plattenbauten und einem Olympiastadion, das bleiern schläft. Die Tatorte schweigen. Keine Menschenseele ist zu sehen, weit und breit tauchen weder Opfer noch Täter auf. Dies ist ein sehr abstrakter Film Noir, in dem auch die Detektivin im Dunkeln tappt. Jäher Szenenwechsel. Die Spur führt in die Alpen. Dann in die klirrende Gletscherwelt der Antarktis, dorthin, wo sich jede Spur verliert und alle Fragen ungehört verhallen. Das Ende: offen.

Die britische Künstlerin Emma Stibbon erzählt weder stringente Geschichten noch arbeitet sie in sprunghaftverzahnten Zeichnungsreihen wie der Niederländer Marcel van Eeden. Doch je reduzierter und lückenhafter Stibbons Zeichnungen werden – da finden sich durchaus Parallelen zu van Eeden –, desto wilder kurbeln sie die Einbildungskraft an. Der Kinofilm im Kopf rollt ab, unaufhaltsam „wie ein Zug in der Nacht“, wie in François Truffauts „La Nuit Américaine“ ein Filmregisseur erklärt.

Stibbon begreift ihre grafischen Arbeiten – über 60 davon sind im Ephraim-Palais zu sehen – durchaus als „Fiktionalisierungen“. Ihre Stadtansichten und Eislandschaften sind keine „objektive“ Widergabe, sondern dramatisch zugespitzt: Stibbons fiebrige Handschrift haucht Eis, Felsen, Beton und Asphalt geisterhaftes Leben ein. Schneegipfel knirschen, Wohnblocks bibbern, Autobahnzweige kriechen, die Fassade des „Kino International“ kippt irreal aus dem Lot wie eine Filmfigur, die ängstlich in den Katastrophenhimmel blickt.

Urbanität und Natur sind bei Emma Stibbon nie unvereinbare Gegensätze. Treibeis oder Stadtverkehr, Eismeer und Prenzlauer Pfütze, all das scheint in dieser Kunst zusammenzufließen. Man hätte die Bilder aus den drei Zyklen, die im ersten Stock des Ephraim-Palais’ separiert sind, auch gemischt hängen können. Ihr gefühltes Tempo entspricht der unmerklichen Bewegung der Gletscher, die Stibbons während einer Antarktis-Expedition studierte; selbst der „Sessellift, Saas Fee“ (2008) vor aufregend haptisch gezeichneten Felsfurchen oder der Verkehrsfluss auf der „Straße des 17. Juni“ (2005) suggerieren Langsamkeit.

1962 als Tochter eines britischen Soldaten in Münster geboren, in England ausgebildet – unter anderem am renommierten Londoner Goldsmiths College –, besuchte Emma Stibbon 1979 erstmals Berlin und kam immer wieder hierher. Ihre Berlin-Porträts, darunter Mischtechnik-Blätter mit Kreide und Tinte, virtuos beherrschte Aquarelle und monumentale Holzschnitte, huldigen einer Stadt der Brüche und Umbrüche, einer Metropole, in der kühne Moderne und totalitäre Architektur unmittelbar aneinandergrenzen.

Wie viele Künstler der letzten Jahre hat sich auch Stibbon mit zweifelnder Geste dem Abbau des Palastes der Republik gewidmet. Eine wenige Monate alte Darstellung des noch kompletten Gebäudes, das doch in der Tinte zu zerfließen scheint, mit der es gemalt ist, kommentiert die Künstlerin mit dem sarkastischen Graffito: „Die DDR hat’s nie gegeben“. Der Palast, der Brunnen der Freundschaft, Flughafen Tempelhof, der Glockenturm am Olympiastadion: Orte erodieren oder halten stand. Emma Stibbons hält sie in Zeichnungen fest, die vor lauter Struktur- und Detailreichtum vibrieren. Grellen Fassaden zieht sie schattige Mauerwinkel und tiefschwarze Türöffnungen vor. Die Dramen dahinter kann man sich selber ausmalen.

Ephraim-Palais, bis 4. Oktober, Katalog (Verlag Kerber Art) 28 Euro

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