Berliner Ensemble : Im Land der Stinkefinger

Vulgärrealismus trifft auf grob gehauene Milieu-Klischees: Thomas Langhoff inszeniert am Berliner Ensemble Gorkis "Nachtasyl".

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Untertagsgesellschaft. Szene aus Maxim Gorkis "Nachtasyl" am BE. -Foto: DAVIDS/Walterscheid

Und als man das nächste Mal die Augen öffnet, grimassieren, keifen, taumeln, wüten und brüllen die dort vorn noch immer so hemmungslos, als befänden sie sich beim Casting für die Rollen von Obdachlosen eines schlechten „Tatorts“: Vulgärrealismus trifft auf grob gehauene Milieu-Klischees. Thomas Langhoff inszeniert am Berliner Ensemble Gorkis „Nachtasyl“ als Freakshow der Gestrandeten, mit allen Accessoires des Schäbigen, die einem so einfallen, wenn man Gorkis Klassiker nicht inszenieren, sondern vorwiegend illustrieren will.

Als Erstes also die Bühne: Alexander Wolf hat sie regelrecht zugemüllt, die Wände eines Wohncontainers mit einer fiesen Plastikplane ausgeschlagen und einen dreistöckigen Wohnturm errichtet, der nicht nur zahlreiche Matratzen enthält, sondern auch einen Verschlag aus Karton. Keine Stühle und Tische, nur leere Getränkekisten, die als Multifunktionsmöbel und Holzhammerzeichen des Unbehausten herhalten müssen.

Dann die Kostüme. Ellen Hofmann hat aus allen Second-Hand-Läden der Stadt das Hässlichste zusammengetragen: pinke Daunenjacken, erdfarbene Steppjacken und Plastikmoonboots für die ärmsten Bewohner des Nachtasyls, glitzernde Halbweltanzüge und superspitze Zuhälterschuhe aus Schlangenlederimitat für die Hehler und Diebe dieser geschlossenen Untergesellschaft, schließlich protzige Pelzmäntel und gold glitzernde Unternehmerinnenkombinationen zu Leopardenstrumpfhose und Drei-Engel-für-Charlie-Frisur für die geldgierige Besitzergattin der Herberge. Dann das Spiel. Alle agieren so übertrieben offensiv, dass sie einerseits als Typ sofort zu identifizieren sind (der Alkoholiker, der Zyniker, die Schwindsüchtige) und dem Zuschauer andererseits so fern bleiben, dass sie ihn nichts angehen. Armut, Krise, Ausweglosigkeit und moralischer Bankrott sind nicht unter uns. Sie sind dort, wo Langhoffs gestreckter Zeigefinger hinweist. Unendlich weit weg.

Als Gorkis Gestrauchelte mit der Sehnsucht nach Licht Anfang des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal die Moskauer Bühnen bevölkerten, war das Publikum aus dem Häuschen. Bisher hatte es hauptsächlich die fein ziselierte Melancholie der Tschechow-Figuren gekannt. Die war schön und traurig und seelenvoll, aber mit der Zeit auch ein bisschen langweilig geworden, so dass ein gewisser Stanislawski, Regisseur und Direktor des „Künstlerischen Theaters“, zu dem aufstrebenden Autor Gorki geeilt war und um die Verfassung eines Stückes mit anderen Figuren gebeten hatte.

Gorkis „Nachtasyl“ enthält keine zaghaften Intellektuellen mehr, dafür sind in ihm nur Elende versammelt: Falschspieler, Totschläger, Dirnen, in denen aber stark die „Züge edleren Menschentums“ spürbar sind, wie Gorkis Freund August Scholz schrieb. 1903 kam „Nachtasyl“ unter der Regie von Max Reinhardt auch in Berlin heraus, war ein sensationeller Erfolg und ist noch immer Gorkis meistgespieltes Stück, in dem – mit den Jahren immer mehr – freilich die Falle des Sozialvoyeurismus lauert.

In die Thomas Langhoff frohgemut kalauernd hineingestapft ist. Von der feinen Psychologie des ehemaligen DT-Intendanten ist am Berliner Ensemble kaum etwas übriggeblieben. Weil die Figuren so facettenarm sind und die Enge des Zusammenlebens ganz simpel in lautstarkes Tohuwabohu übersetzt wird, schwappen die Gespräche über Wahrheit, Gott und Gewissen als Mittelgrundrauschen ermüdend so dahin, das Grelle der Überzeichnung lässt der existenziellen Not keinen Raum. Roman Kaminski spielt den Schauspieler als lachhaften Trunkenbold, Alexander Lang, der das Stück vor einigen Jahren selbst wesentlich beklemmender am Maxim-Gorki- Theater inszeniert hat, gibt den Zyniker Satin als übertrieben bösen Clown.

Und doch hält der misslungene Abend ein paar Momente und eine Überraschung bereit. Christian Grashof ist Luka, der geheimnisvolle Pilger, der biografielose Hoffnungsträger, der die anderen dazu bringt, an eine mögliche Wendung zum Guten hin zu glauben – vergeblich natürlich. Denn während Luka das Asyl längst verlassen hat, kleben die anderen noch immer aneinander oder an der Flasche oder sind tot. Auch Grashof macht Witze. Aber sie entspringen nicht dem Zwang zum Possenreißen, sondern werden eher vom stillen Humor des Wissenden hervorgebracht. Grashof bleibt ganz innerlich, sein Luka hat Würde und Menschlichkeit, und als er der sterbenden Anna (Hanna Jürgens) beisteht, ist Mitgefühl nicht bloß ein Wort.

Wieder am 19. und 30.1. und 6.2.

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