Berliner Ensemble : Schweigen im Altbau

Ein dramatisches Nichts: Andrea Breths Uraufführung von "Blaue Spiegel" im Berliner Ensemble

Andreas Schäfer

Kein Wunder, dass das Berliner Ensemble den Text nicht zur vorbereitenden Lektüre verschickt hat. Wenn das Publikum vorab einen Blick in Albert Ostermaiers Stück „Blaue Spiegel“ hätte werfen können, hätte die von Andrea Breth eingerichtete Uraufführung vermutlich vor halb leeren Rängen stattgefunden. Denn „Blaue Spiegel“ ist ein dramatisches Nichts, das mit einem fetten, möchtegern-romantischen Anspielungslack überzogen ist.

So aber reiste die gesamte deutschsprachige Kritikerschaft an, um das Ergebnis dieser wiederholten Zusammenarbeit von Ostermaier/Breth zu besichtigen, der man bisher vor allem am Wiener Burgtheater beiwohnen konnte. Das Stück handelt („handeln“ ist freilich eine grobe Übertreibung) von einem Ehepaar, das seit Ewigkeiten zusammen ist, ohne sich noch etwas zu sagen zu haben. Am Anfang lehnen Corinna Kirchhoff als Sybel und Wolfgang Michael als Jack in einem weißen, völlig leeren, klaustrophobisch kleinen Neubauzimmer unter dem geschlossenen (!) Fenster an einem Heizkörper und dünsten schweigend Beziehungsgenervtheit aus.

Schon das erste Bild ist schief. Denn das Schweigen ist keineswegs zermürbt, kleinmütig, verzweifelt, wie es dem trostlos engen Raum angemessen wäre, sondern im Gegenteil hochgradig rhetorisch, geziert, ein divenhaftes Altbauschweigen, gewissermaßen stuckverziert. Übertriebenes Augenrollen, und irgendwann ruft Corinna Kirchhoff: „Ja, das Schweigen im Walde!“ – womit der Abend, noch bevor er sich aus dem Zellophan des Klischees befreit hat, schon auf die bedeutungshuberische zweite Ebene flüchtet.

Im Wald wohnen bekanntlich die Räuber, im Wald lauert das Unheimliche der Märchenwelt, manchmal auch ein bedrohlicher Wolf. Jetzt will auch Wolfgang Michael etwas sagen, aber es kommt nur unverständliches Genuschel, das einem Wolfsknurren gleicht. Dann entdeckt Sybel etwas Blaues auf der Wange ihres Mannes, reibt es angeekelt mit Spucke weg (es geht aber nicht weg!) und sagt mehrfach: „Komm, gib mir den Schlüssel.“

Nun ist alles beisammen: Eine behauptete Alltagswelt, in die das Archaische einfällt, als wär’s ein Stück von Botho Strauß. Denn das Blaue, das Sybel entdeckt hat, ist natürlich der blaue Bart und der Schlüssel passt zum Schloss in der Tür, die zu der geheimnisvollen Kammer führt, in der Blaubart seine ermordeten Frauen versteckt hält. Diese Grundkonstellation – eine verzweifelte Frau ist mit einem notorischen Frauenverschlinger zusammen – wird in ungefähr fünfzig, manchmal nur Sekunden kurzen, hochaufgeladenen Szenen bebildert, die gern poetisch und rätselhaft wären, aber ohne jedes Gespür für Maß und Rhythmus mit Märchenzitaten und Kalauern angereichert sind und einen schier unerträglichen Bombast produzieren.

Wolfgang Michael, allein im Raum, sich eine blaue Wange rasierend. Dunkel. Elisabeth Orth, als vermeintliche Mutter von Sybel mit einem Mädchen (Laura Tratnik) schimpfend, das ein Käppchen trägt und Rotkäppchen-Sätze singt. Dunkel. Wolfgang Michael, mit dämonischem Blick einen Apfel essend und ihn wieder ausspuckend. Dunkel. Wolfgang Michael, mit sadistischer Ruhe hinter Larissa Fuchs stehend, die auf Hessisch von ihrer trostlosen Kindheit erzählt, bevor sie den Ersehnten entdeckt und sich von ihm demütigen lässt. Dunkel. Corinna Kirchhoff, wie sie das Mädchen mit der Kappe, vermeintlich die eigene Tochter, in der Badewanne zersägt. Dunkel. Alle fünf Schauspieler bewegungslos auf Matratzen liegend. Dunkel. Hin und wieder öffnet sich das Zimmer nach hinten, und man sieht einen Erdhaufen, in dem einer der fünf gräbt oder begraben liegt.

Was ist Fantasie, was Erinnerung, was Wirklichkeit? Und welches Bild, welchen Satz hat der Autor aus welcher Onlineversion von welchem Grimm-Märchen in seinen Text kopiert?

Das Ganze kann nicht funktionieren, weil die Ebenen, die Ostermaier so selbstgewiss durcheinanderwirbelt, getrennt in keinem Moment lebensfähig sind. Denn etwas kann erst dann unheimlich in die Normalität einbrechen und dort seine bedrohliche Wirkung entfalten, wenn die Normalität vorher, zumindest kurz, als solche glaubhaft geworden ist. Aber Ostermaier zeigt keine Figuren, sondern Abziehbilder. Wenn Sybel und Jack nicht affektiert schweigen, müssen sie sich zickig streiten oder in einem lächerlichen Selbsterfahrungsritual neue Nähe erspüren. Typisch Frau, keift Corinna Kirchhoff: „Du, auch mir fällt es manchmal schwer, mich auf Neues einzulassen.“ Typisch Mann, antwortet der überforderte Jack: „Du, ich kann das nicht. Ich kann das einfach nicht.“ – und um noch den letzten Pointentropfen herauszupressen wird die Szene in die Länge gezogen, als läge das Berliner Ensemble am Kurfürstendamm.

„Du, ich kann das nicht.“ Einmal dieser Satz hätte genügt.

Wieder am 28. 5., am 7., 24. und 27. Juni

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