Berliner Philharmoniker : Abaddo begeister Zuschauer

In Berlin hat Claudio Abbado Narrenfreiheit. Wenn der italienische Dirigent einmal pro Spielzeit als Gast zu den Berliner Philharmonikern zurückkehrt, deren Chef er von 1989 bis 2002 war, dann lesen ihm die Musiker jeden Wunsch von den Lippen ab. Und das Management auch.

Frederik Hanssen



Ohne mit der Wimper zu zucken, werden Abbado die skurrilsten, kostspieligsten Programme ermöglicht: Robert Schumanns komplette „Manfred“-Musik in halbszenischer Version (und mit einem am Textbuch klebenden Bruno Ganz) 2006 beispielsweise oder Hector Berlioz „Te Deum“ mit hunderten Kinderstimmen, das im vergangenen Jahr wegen des Dachbrands in der Waldbühne stattfinden musste. Im Mai 2010 wird Abbado Arnold Schönbergs „Gurrelieder“ mit der Brahms-Rarität „Rinaldo“ konfrontieren. Und diesmal sollten es Debussys „La Mer“, Schuberts „Rosamunde“-Bühnenmusik und sowie drei Mahlersche „Wunderhorn“-Lieder sein. Die Werkzusammenstellung ist rätselhaft, die Stimmung am Freitag umso vorfreudiger unter den festlich zurechtgemachten Philharmonie-Besuchern: Der Maestro wird schon wissen, was er tut.

Schubert gehört zu Abbados Hausgöttern, mit seiner Liebe adelt er die über weite Strecken doch recht läppische „Rosamunde“-Partitur: Inniglich, sehr privat ist der Tonfall, der Rundfunkchor Berlin (Einstudierung: Simon Halsey) liefert perfekt sublimierte Naivität und satte Klangfülle, im berühmten Entre-Act dialogisieren die Holzbläser überirdisch schön, vor allem Wenzel Fuchs’ Klarinette scheint mit Elfenflügeln in himmlischen Sphären zu schweben.

Vom Märchenland zurück in die grausige Realität führt dann Gustav Mahler. Bei ihm bekommt auch des einfachste Volkslied noch Doppelbödigkeit, und Angelika Kirchschlagers Mezzosopran greift sehr direkt ans Herz, wenn sie so menschlich, so mitfühlend die Liebesklage des todgeweihten Soldaten anstimmt: „Allwo die schönen Trompeten blasen, da ist mein Haus, von grünem Rasen.“

Nach der Pause Claude Debussys „La Mer“, ein Abbado-Paradestück. Doch wer jetzt zart Hingetuschtes erwartet hatte, so wie es dem Maestro 2003 gelungen war, beim Debütkonzert des von ihm gegründeten Lucerne Festival Orchesters am Vierwaldstättersee, den überrascht Claudio Abbado mit kraftvoller, südlicher Sinnlichkeit. Mag Debussy seine sinfonischen Skizzen an der Atlantikküste konzipiert und dabei an Japan gedacht haben, in der Philharmonie meint man, in sengender Mittagshitze unter Fächerpinien am Mittelmeer zu sitzen, den Blick in blendende Ferne gerichtet, auf eine funkelnde, vom Mistral ungewohnt wild bewegte Wasserfläche.

Den Philharmonikern gefällt’s, sie feiern ihren Claudio genauso euphorisch wie die Fans im Saal, bleiben applaudierend sitzen, wenn er sie zum Aufstehen ermuntert – und der Geehrte ist gerührt, drückt die Hände der Stimmführer, umarmt sogar Konzertmeister Guy Braunstein.

Im kommenden Jahr wird Claudio Abbado übrigens, nach 23 Jahren Abstinenz, erstmals wieder mit dem Orchester der Mailänder Scala musizieren. In einem Interview hatte er von der sauberen Luft Berlins geschwärmt und erklärt, er werde nur dann in seiner Heimatstadt wieder zum Taktstock greifen, wenn man ihn in Naturalien bezahle – 90 000 Bäume müssten für die Verbesserung der Sauerstoffwerte im Zentrum gepflanzt werden. Ein Raunen ging durch die steinernen Schluchten der Metropole. Nun wird der Domplatz neu begrünt und vor dem Teatro alla Scala entsteht ein Druiden-Wäldchen.

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