Berliner Philharmoniker : Hier spielt die Zukunftsmusik

Vor dem neuen Arena-Abenteuer: Was das Education-Team der Philharmoniker bewegt.

Frederik Hanssen

Am Wochenende ist es mal wieder so weit: Die Berliner Philharmoniker machen ihren alljährlichen Betriebsausflug nach Treptow. In einem ehemaligen Busdepot spielen sie unter der Leitung von Simon Rattle, während in ihrem Rücken 150 Kinder und Jugendliche zu einer Choreografie von Royston Maldoom über die Bühne wirbeln. Seit dem Film „Rhythm is it!“, der das erste Tanzprojekt mit Strawinskys „Sacre du printemps“ dokumentiert, sind die Philharmoniker-Abstecher in die Arena Kult.

An diesen Abenden herrscht in der Halle stets eine aufgepeitscht-euphorische Stimmung, Maldoom und seine Schüler versprühen Magie. Mit seiner Idee, das Prinzip education aus Großbritannien nach Berlin zu bringen, hat Simon Rattle den bislang durchschlagendsten Erfolg als Chefdirigent der Philharmoniker gelandet. Viel ist über seine künstlerische Linie gestritten worden, über seinen Einfluss auf den traditionellen Klang des Orchesters, über seinen Umgang mit Brahms oder Beethoven und seine Vorliebe für französische Musik, über seinen Geschmack bei zeitgenössischer Musik. Die Art, wie seit 2002 der Nachwuchs unter dem Motto „Zukunft@BPhil“ an die Klassik herangeführt wird, ist dagegen völlig unumstritten: Das Ereignis in der Arena steht symbolisch für den Geist des 21. Jahrhunderts, der mit Rattle bei den Philharmonikern eingezogen ist.

Eigentlich müsste sich Cathy Milliken, die Leiterin der Education-Abteilung, darüber ärgern, dass sich die Medien mit vorhersehbarer Regelmäßigkeit immer nur auf diese eine Großveranstaltung stürzen – denn was sie mit ihrem kleinen Team übers Jahr sonst noch alles an Jugendarbeit leistet, gerät dabei automatisch in den Schatten der Aufmerksamkeit. Doch die Australierin ist eine sanfte Seele: „Es ist ein großes Ereignis für uns, und wir sind natürlich glücklich, wenn die Presse das auch so wahrnimmt“, sagt sie mit ihrer leisen Stimme. „Einmal im Jahr identifiziert sich das gesamte Orchester mit „Zukunft@BPhil“, indem es aktiv an den Aufführungen teilnimmt. Auch wenn mein Herz natürlich für die Musik-Workshops schlägt, sehe ich doch, dass die Arena- Produktion ein sehr wichtiges Event ist, weil hier so viele verschiedene Menschen zusammenkommen.“

Cathy Milliken hat in ihrem Leben schon viel gemacht: Nach dem Oboenstudium in ihrer Heimat kam sie als DAAD-Stipendiatin nach Deutschland, gehörte 1980 zu den Gründungsmitgliedern des „Ensemble Modern“, machte als Komponistin von sich reden, unter anderem bei einer Jonathan-Safran-Foer-Uraufführung 2005 an der Berliner Staatsoper. Im selben Jahr übernahm sie auch die Leitung von „Zukunft@BPhil“.

Vor allem in den fünf bis sechs mehrwöchigen Workshops, bei denen die Musiker jedes Jahr mit Berliner Schulen kreative Projekte entwickeln und anschließend im Foyer der Philharmonie präsentieren, kann Milliken ihre vielfältigen Qualifikationen einbringen. „Education ist etwas Lebendiges: ein Prozess, ein Informationsfluss zwischen den Teilnehmern“, definiert sie ihren Arbeitsansatz. „Ich versuche immer, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem sich keiner der Teilnehmer aus Unwohlsein den anderen gegenüber zurückhalten muss. Die Philharmoniker geben den Schülern sofort das Gefühl: Wir sind jetzt eure Kollegen, weil wir gemeinsam etwas erreichen wollen. Da stehe ich dann auch am Start mit meiner Oboe, die Schüler nehmen die Instrumente, die sie schon spielen, und die Philharmoniker die ihren. Keiner soll das Gefühl bekommen, dass hier etwas von oben draufgestülpt wird. Es ist ein echter basisdemokratischer Prozess.“

Es hat sich mittlerweile ein harter Kern von 15 Musikern zusammengefunden, die regelmäßig mitmachen. Andere Orchestermitglieder begegnen den Projekten mit einer Mischung aus Neugier und Scheu: „Sie sagen mir: Ich komme gerne mit in die Schulen, aber ich war noch nie in so einer Situation. Da allerdings auch die Schüler noch nie mit den Berliner Philharmonikern zusammengearbeitet haben, sind die Startbedingungen für beide Seiten gleich“, findet Milliken.

Für jene Musiker, die lieber im Schutz ihrer vertrauten Bühnenumgebung mit dem Publikum von morgen Kontakt aufnehmen, gibt es die Familienkonzerte, „Meet the orchestra“ genannt, die von den Instrumentalisten selber moderiert werden. „Auch seine eigene Welt zu erklären, erfordert Mut“, findet Milliken. „Das beginnt bei der Programmkonzeption, geht weiter mit der Frage, wann die Zuhörer einbezogen werden, und reicht bis zu dem Problem, wie man mit einem Mikrofon umgeht, wenn man gleich auch noch selber spielen will.“ Ein weiteres Modul der Education-Abteilung sind die „Kofferkonzerte“, bei denen Philharmoniker in Schulen Kammermusikauftritte absolvieren. Und dann gibt es noch den jährlichen Wettbewerb für junge Komponisten sowie das Schulorchestertreffen, zwei Gelegenheiten, sich mit dem Nachwuchs über Praxisfragen auszutauschen. Mehr als die Hälfte des Orchesters kommt so über die Saison mit „Zukunft@BPhil“ in Berührung.

„Zum meinem Job gehört es auch, die unterschiedlichen Aktivitäten zu vernetzen“, resümiert Milliken. Und zwar nicht nur nach innen: „Wir bekommen mittlerweile viele Anfragen von anderen Orchestern, die wir gerne von unserem Know-how profitieren lassen.“ Besonders am Herzen liegt der Tochter einer Lehrerin außerdem der Kontakt zu den Pädagogen. „Wir bieten Fortbildungskurse an, stellen Materialien ins Netz. Auf unserer Website gibt es beispielsweise tolle Podcasts mit Gesprächen zwischen den Schülern und den Dirigenten oder Komponisten unserer Projekte.“

Für das Tanzprojekt in der Arena am 30. und 31. Mai gibt es Restkarten. Infos zum Education-Programm unter www.berliner-philharmoniker.de

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