Berliner Theatertreffen : Auf den Müll mit Blankenese!

Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? Genial oder banal: Volker Lösch setzt auf die Provo-Attitüde. In seiner Produktion für das Hamburger Schauspielhaus agiert ein Hartz-IV-Chor als unheimlicher Hauptdarsteller.

Christine Wahl

Exekutive, Legislative, einbuddeln, zuscheißen, fertig.“ Diese schlagende Idee kam einem Dresdner Bürger auf die Frage, welchen Wunsch er sich zuerst erfüllen würde, wenn er sich in einem rechtsfreien Raum befände. Ein anderer erging sich in Tötungsphantasien politischer Talk-Prominenz: „Wen ich als erstes erschießen würde, das wäre Frau Christiansen“.

Dröhnen solche dem Stammtisch abgelauschten Statements chorisch von der Bühne, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass wir uns im Provo-Theater des Volker Lösch befinden. Denn Theaterstoffe mit Kommentaren von der gesellschaftlichen Basis zu durchsetzen, ist das Markenzeichen des 46-Jährigen – in Stuttgart, Hamburg, Dresden und demnächst auch an der Berliner Schaubühne. Die via Interview oder Fragebogen ermittelten Auskünfte von Migranten, Hartz-IVEmpfängern werden dann auf der Bühne, ebenfalls von ortsansässigen Laien, so ungefiltert herausgeschrieen, dass sie ein tendenziell demokratiefreundliches Publikum möglichst maximal provozieren.

Vor zwei Wochen brüllten in „Wut“, wo ein deutscher Akademiker einen seine Familie tyrannisierenden türkischen Kleindealer tötet, 15 Jungs aus Migrantenfamilien dem Stuttgarter Publikum ihre Chancenlosigkeit entgegen. Und die eingangs zitierten Zuscheiß- und Tötungsphantasien sind einem Chor Arbeitsloser abgelauscht, die Lösch vor fünf Jahren in Dresden für Gerhart Hauptmanns „Weber“ gecastet hatte.

Mit dieser Inszenierung stieß der Ex-Sozialarbeiter, der sich früher um schwer erziehbare Jugendliche gekümmert hatte, erstmals ins überregionale Bewusstsein: Die Aufführung bescherte dem Dresdner Theater eine nie dagewesene Publicity, weil Sabine Christiansen und der Verlag Felix Bloch Erben, der die Rechte an Hauptmanns Dramen besitzt, juristisch gegen sie vorgingen.

Mit „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ nach Peter Weiss’ 1960er-Jahre-Drama „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ vom Hamburger Schauspielhaus hat Lösch es zum Theatertreffen geschafft. Auch diese Inszenierung hatte bei der Premiere im Herbst den Erregungspegel gewaltig ausschlagen lassen. Zudem passt sich Löschs „Marat“-Version mit ihrem MilliardärsBashing prächtig in die aktuelle Krisenstimmungslage ein. Lösch rahmt Weiss’ Disput über Wirksamkeit und Dilemmata revolutionärer Erhebungen zwischen den Herren Marat (Achim Buch) und de Sade (Marion Breckwoldt) mit einem Chor heutiger Hamburger Hartz-IVEmpfänger, der am Ende aus einer zuvor im „manager magazin“ veröffentlichten Liste die Namen, Firmenadressen und Vermögenswerte Hamburger Milliardäre und Millionäre verliest.

Die Kultursenatorin und Aufsichtsratsvorsitzende des Schauspielhauses der Hansestadt, Karin von Welck, war deshalb mit Intendant Friedrich Schirmer aneinandergeraten. Und fünf der 28 Verlesenen, die teilweise auch zum Freundes- und Förderkreis des Schauspielhauses gehören, drohten – sollten ihre Namen nicht von der Liste gestrichen werden – mit einer einstweiligen Verfügung. Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt: Von den fünf Intervenierenden wird jetzt das anwaltliche Schreiben zitiert. Der Rest scheint die Sache eher lässig zu sehen: Fielmann zum Beispiel, der mit 1,45 Milliarden einen Listenplatz im oberen Drittel einnimmt, hat den Chor großzügig mit Kontaktlisten gesponsort.

Nun ist Volker Lösch beim Theatertreffen nicht nur auf nahezu jedem Diskussionspodium als Beauftragter für künstlerische Gesellschaftskritik vertreten. Sondern wird überhaupt als – polarisierende – Galionsfigur eines angeblich wiedererstarkten politischen Theaters gefeiert. Doch was macht ihn eigentlich dazu? Die Arbeit mit Laien, die seit dem Erfolg des Dokumentartheater-Trios Rimini Protokoll weithin zum guten Theaterton gehört? Die Vergegenwärtigung des antiken Chors, die Einar Schleef in bis heute nicht mal annäherungsweise erreichter Qualität praktizierte? Oder der Bezug auf politisch-dokumentarisches Material, den Theatermacher wie Hans-Werner Kroesinger wesentlich reflektierter betreiben? Wohl eher nicht – darin sind sich Lösch-Befürworter, -gegner und auch die Theatertreffen-Jury einig.

Sondern: Volker Lösch ist „die Wiederbelebung des Agitprop gelungen“, freut sich Stefan Keim in einer Rezension. Zieht man den schwärmerischen Subtext ab, ist dem Befund tatsächlich nicht zu widersprechen. Was Lösch von den Genannten unterscheidet, ist sein programmatisches Desinteresse an jedweder Differenzierung. Er steht für die vorsätzliche Vergröberung und Versimplifizierung gesellschaftlicher Konflikte – und prangert von einer Kanzel moralischer Überlegenheit, die so tut, als stünde sie über dem soziale Ungerechtigkeiten produzierenden System, den Status quo an. Aber was sagt er eigentlich genau, zum Beispiel im Hamburger „Marat“?

Die Hartz-IV-Empfänger treten dort zuerst in Privatklamotten auf und erzählen aus ihrem Alltag: Der an seinem Berufswunsch (Schauspieler!) gescheiterte junge Mann, die Magersüchtige, die Studentin, die Erkrankte, der Alkoholiker. Für Löschs Verhältnisse – verglichen mit dem Dresdner Bürgerchor, der grundsätzlich nach rechts driftendes Gedankengut aus der DDR-sozialisierten bürgerlichen Mitte ins Parkett brüllt – ist dieser Chor erfreulich vielstimmig.

Beginnt dann die Debatte zwischen Marat und dem Marquis de Sade, ist es damit allerdings vorbei. Das Hartz-IV-Volk wird in eine Einheitskluft sowie in eine Mischung aus Gummizelle und Kinderhüpfburg gesteckt. Dort prügelt es sich um Toastbrote und Ketchupflaschen, lässt sich von einem Motivationscoach mit Mercedes-Benz-Jacke, Trillerpfeife und einem grotesken Demütigungsfitnessprogramm ruhig stellen oder stürzt sich auf die prima zerreißbaren Merkel-, Steinmeier- und Westerwelle-Wahlplakate, die de Sade gönnerhaft in die Zelle wirft. Kurzum: Man überbietet sich gegenseitig in der Widerlegung der zuvor stolz aufgestellten Behauptung, für den Kapitalismus „zu unangepasst“ zu sein. Mit dieser Belegschaft, die ruft: „Marat, wir sind immer noch arme Leute, und die versprochenen Veränderungen wollen wir heute“, ist wahrlich kein Staat zu machen.

Und mit Marat selbst auch nicht. Der schwebt mal als steife Leninstatue vom Schnürboden, tänzelt anschließend – Pullover verteilend – als Rudi Dutschke über die Bühne, müht sich in Gestalt Fidel Castros redlich um einen Rest Salsa-Dynamik aus der alterssteifen Hüfte und lässt sich schließlich als Oskar Lafontaine bei einem unansehnlichen Kopulationsversuch in der Badewanne hinmorden; Anspielungen auf das Attentat von 1990 inklusive. Der Chor tritt daraufhin wieder aus der Gummizelle heraus, übergießt sich mit eimerweise Bühnenblut, verkündet abenteuerliche Anarcho-Parolen („Blankenese als Mülldeponie“) und verliest anschließend besagte Liste. Die Zuschauer gehen daraufhin mit fünf Erkenntnissen nach Hause. Erstens: Die Welt ist ungerecht. Zweitens: Reiche sind böse. Drittens: Linke Galionsfiguren auch, weil sie das Ideal mit einer niederträchtigen Wirklichkeit beschmutzt haben. Viertens: Auch die Unterdrückten sind zu blöd für die Weltverbesserung, weil sie sich lieber von Jogi Löw ruhigstellen lassen. Und fünftens: Lösch hat das alles scharfsichtig durchschaut und führt es uns Wahrnehmungsgetrübten mit Sozialarbeiter-Eifer vor. Nur: Was ist damit anzufangen? Wo liegen die Ursachen, und was folgt aus der Diagnose? Und: Worin besteht denn nun das „wiedererstarkte politische Theater"?

Lösch behauptet gerne, der Regisseur sehe das Theater als „demokratisches Forum“, wo „die Bürger der Stadt selbst auf der Bühne stehen und von ihrem Leben sprechen und handeln“. Betrachtet man den Hamburger Hartz-IVChor, wirkt dieses Demokratieverständnis streckenweise arg verwunderlich. Es geht nicht darum, dass Lösch dessen Äußerungen zuspitzt. Nur: Wer sich mit seinem Gesicht und seiner Geschichte – als öffentlichkeitsunerfahrener Darsteller seiner selbst – auf die Bühne stellt, wiederholt gleichsam die ihm täglich widerfahrende Demütigung, wenn er sodann als willfähriges Mitglied einer geistlosen Masse dargestellt wird.

Das ist von einigen Kritikern als rein künstlerische, provokante Strategie der Selbstironisierung und Selbstreflexion beschrieben worden. Viel eher dürfte sich darin die Naivität oder aber der Zynismus eines Regisseurs äußern, der genau jene Ausschlussmechanismen reproduziert, die er anzuprangern vorgibt. So oder so, bietet sich das Lösch-Theater zum wohlfeilen Distinktionsspiel für ein mehrheitlich sicher nicht von Hartz IV lebendes Theatertreffenpublikum an.

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