Berliner Theatertreffen : Freiheit ist zumutbar

Alle Toten fliegen hoch: Der Schauspieler Joachim Meyerhoff und sein autobiografischer Soloabend vom Wiener Burgtheater.

Christina Kaindl-Hönig
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Wahnsinnssolo. Joachim Meyerhoff. -Foto: Werner/Berliner Festspiele

Gott schnarcht, und keinen kümmert’s. Denn Er und der Teufel sind eins. Der Mephisto Joachim Meyerhoffs eint die Antipoden im Zwiegespräch, mimt mit sanfter Stimme den Himmelsvater und gibt mal händeringend devot, mal schaurig knurrend den gefallenen Engel. Auf einer Drehbühne mitten im Zuschauerraum rotiert er um die eigene Achse, aalt sich im Scheinwerferlicht, um schließlich als gewiefter Entertainer Goethes „Faust“ den letzten Funken Metaphysik auszutreiben. In Jan Bosses Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus 2004 wandelt sich dieser teuflisch-agile Showmaster im Finale zum Tröster: Faust liegt in seinen Armen, und Meyerhoff streichelt den Schauspieler Edgar Selge, zu dem er in den Münchner Kammerspielen als Schüler einst bewundernd aufblickte.

Beim Theatertreffen gastiert der 42-Jährige nun mit den ersten drei Teilen seines am Burgtheater 2007/08 entwickelten, autobiografischen Solo-Abends „Alle Toten fliegen hoch“: eine sehr persönliche Innenschau auf die eigene Geschichte, Kindheit und Jugend, auf schmerzliche Verluste, als die Großeltern oder ein Bruder starben. Ein „Todesartenkompendium“ nennt es Meyerhoff, entstanden aus einem „Unglückszustand“ vor über zehn Jahren während seines Engagements in Dortmund: „Wenn man Rollen findet, will man doch eine Ahnung haben, wer man ist. Ich bin gutbürgerlich aufgewachsen in Schleswig-Holstein, Arztsohn, Wehrdienstverweigerer, Schauspielschüler, ohne die Beschädigung der Kriegsgeneration, ohne den Aufbruch einer 68er-Generation. Für mich war es wichtig, mir der Einzigartigkeit meiner Vergangenheit bewusst zu werden.“ Spielen als Therapie: Das Theater ist für Meyerhoff Ort der Lust und der Entäußerung, Kunst schlechthin „überlebensnotwendig und heilsam.“

Eine Gratwanderung zwischen Innenschau und Entäußerung, Erinnerung und Fiktion. „An den Rändern der Erinnerung entsteht die Erfindung“, verrät Meyerhoff, und ergänzt: „Die Fiktion kann archäologische Erinnerungsfunde heben!“ Es ist die freie Assoziation der Psychoanalyse, die hier anklingt – und die zurückführt in Meyerhoffs eigene Geschichte. Durch die mondäne Unkonventionalität seiner Großmutter, der Schauspielerin Inge Birkmann, „zur Kunst verführt“, verzichtete Meyerhoff auf eine Karriere als Sportler und absolvierte eine Schauspielausbildung an der Otto-FalckenbergSchule in München. „Eindrucksvoll und wichtig“ war ihm die Rollenarbeit bei Ulrich Matthes, und die Unterweisung in Aikido, Schwert- und Stockkämpfen bei Martin Gruber. Die „Metamorphose von einem Sport- in einen Schauspielerkörper“, die Entwicklung eines körperlichen Bewusstseins durch die Transformation von Kraft in eine Reibung zwischen Sprache und Physis bezeichnet Meyerhoff als entscheidend. Ein Charakteristikum, das er bis heute um starke Momente der Innerlichkeit verfeinert.

Nach Lehrjahren in Kassel, Bielefeld, Mainz, Dortmund und Köln war Meyerhoff 2001/2002 Ensemblemitglied am Maxim Gorki Theater in Berlin, wo er auch inszenierte. Von 2002 bis 2005 wurde das Hamburger Schauspielhaus zum Ort prägender Begegnungen mit Regisseuren wie Thomas Langhoff, Günter Krämer, Karin Beier und vor allem Jürgen Gosch und Jan Bosse. „Von Gosch ist dieser tolle Satz: ‚Man muss den Schauspielern die Freiheit zumuten.'' Das ist wahnsinnig anstrengend, aber ganz toll“, schwärmt Meyerhoff. Mit Bosse hingegen verbindet Meyerhoff die gleiche Generation: „Er ist mir der nächste und vertrauteste Regisseur.“ Fünf Inszenierungen spiegeln die Lust auf die gemeinsame Suche, nach „Faust I“ 2004 gelang Meyerhoff als Shakespeares „Hamlet“ am Schauspielhaus Zürich 2007 der Durchbruch, im selben Jahr wurde er von „Theater heute“ zum Schauspieler des Jahres gewählt. Die Inszenierung war 2008 auch beim Theatertreffen zu sehen. „Gerade bei Mephisto oder Hamlet ging es mir darum, extreme körperliche Zustände zu finden, um eine Erschöpfung.“

Das Moment physischer Entäußerung zeigte sich auch in Karin Beiers Version von Franzobels Farce „Wir wollen den Messias jetzt“, in der er 2005 als Ensemblemitglied des Burgtheaters debütierte. Neben Rollen wie in Nestroys „Höllenangst“ (Regie: Martin Kušej) oder Bosses Version von Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ entstanden Figuren, bei denen das komödiantische Talent Meyerhoffs zugunsten einer ausdrucksstarken, ernsten Innerlichkeit zurückwich: sein gedankenschwerer Iwan in Nicolas Stemanns Version von Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ oder sein philosophierender Teterew in Karin Beiers Inszenierung von Gorkis „Die Kleinbürger“.

In Christoph Schlingensiefs Wiener Ready-Made-Oper „Mea Culpa“ spielt Meyerhoff nun dessen Alter Ego. Im grünen Samtanzug bewegt er sich durch Schlingensiefs mediales Gewitter wie ein Medium: zurückgenommen, fast vorsichtig dosiert er die Emphase seiner Figur gegenüber der Kunst ebenso präzise wie die vehemente Absage an die Toten, die den Sterbenskranken von der Bühne der Kunst locken wollen. „Aushalten durch Erzählen, ja, vielleicht“, sagt Meyerhoff.

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