Berliner Theatertreffen : Radikal ist allein das Private

Schlingensief und Gosch: "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" von der Ruhr-Triennale und "Die Möwe" vom Deutschen Theater Berlin - so intensiv und emotional war Theater lange nicht.

Rüdiger Schaper
272751_3_xio-fcmsimage-20090428201921-006000-49f748a9ad0ce.heprodimagesfotos86120090429kirche.jpg
Vater Schlingensief filmte den den kleinen Christoph in den sechziger Jahren mit einer Super-8-Kamera. -Foto: David Baltzer/Zenith/Berliner Festspiele

Selten in den letzten Jahren war die Spannung vor einem Theatertreffen so spürbar wie jetzt. Es liegt etwas in der Luft, es rumort etwas in den Köpfen, es will etwas heraus, das sich nicht leicht begreifen lässt. In die lange auf Autopilot geschaltete, mit sich selbst beschäftigte Bühnenmaschinerie ist Bewegung gekommen.

Die wieder erwachte Lust der Regisseure und Dramatiker an der politischen Attacke hat Wolfgang Höbel, Jury-Mitglied des Theatertreffens, kürzlich im „Spiegel“ beschrieben. Es ist schon richtig, man hört die Signale: In neuen Stücken von Elfriede Jelinek („Die Kontrakte des Kaufmanns“) oder David Kelly („Liebe und Geld“), in Volker Löschs jakobinischen Schauprozessen (eingeladen ist sein Hamburger „Marat“) taucht sie plötzlich wieder aus der Versenkung auf, die gute alte Kapitalismuskritik. Nur dass sie sich im so schwer zu identifizierenden Angesicht der Krise heute lauter, schriller, aggressiver gibt als in den gemütlichen bundesrepublikanischen Zeiten. Damals war das Politische stadt- und staatstheaterimmanent, eine Conditio, ohne die es gar kein ernstzunehmendes Theater geben durfte. Der gute alte, noch nicht durchglobalisierte Kapitalismus war ein relativ leichter Gegner. Was ähnlich für die DDR galt. Die Künstler dort sahen sich einem repressiven Staatsapparat gegenüber. Der Feind war sichtbar.

Die neue Lautstärke, die frische Wut zeigt aber auch die Hilflosigkeit des wiederaufflammenden politischen Bewusstseins im Theater. Während sich da und dort die Löschtrupps formieren, um Öl ins Feuer zu gießen, macht sich ein René Pollesch im Volksbühnen-Prater über die Alarmisten und Aktionisten schon wieder lustig. „Ein Chor irrt sich gewaltig“ nennt er seine jüngste Chaos-Komödie, in Anspielung auf die Hartz-IV- und Migrantenchöre, die Volker Lösch in die Schlacht an der Rampe schickt. Auch Höbel bleibt skeptisch: „Die verblüffende politische Wachsamkeit der Bühnenschaffenden hängt vermutlich damit zusammen, dass im deutschsprachigen Theater seit Jahrzehnten kaum etwas so hingebungsvoll gepflegt wird wie die Kunst der Weltuntergangsbeschwörung.“

Theater als Krisengewinner? Bei der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek werden Katastrophensüchtige online in einem atemberaubenden Tempo versorgt. Ob Fritzl oder Finanzkrise, da rauscht immer schon ein Katarakt selbstreferenzieller Unglückstiraden. Man fühlt sich bestätigt in seiner Empörung und Angstlust. Darin liegt der Betrug einer vordergründig politischen Kunst.

Theatraler Aufruhr belebt die Szene, keine Frage. Aber dieser Trend, wahrscheinlich kurzlebig und wenig nachhaltig, wie die meisten trendigen Geschichten, kann nicht über das Wesentliche hinwegtäuschen. Das eigentlich Radikale dieses Jahrgangs liegt im radikal Privaten.

Man muss nicht lange herumreden. Die herausragenden Theaterarbeiten der letzten Zeit stammen von Jürgen Gosch und Christoph Schlingensief. Von zwei Künstlern, die mit der Krankheit Krebs kämpfen. Die sich auf unterschiedliche Art ebenso massiv wie subtil entäußern.

Schlingensief eröffnet das Theatertreffen mit seinem Ruhr-Triennale-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Gosch wird am kommenden Sonntag mit dem Berliner Theaterpreis geehrt, den er sich mit seinem Bühnenbildner Johannes Schütz teilt. Gosch und Schütz sind mit zwei Inszenierungen eingeladen, Roland Schimmelpfennigs „Hier und Jetzt“ aus Zürich und der Berliner „Möwe“.

Gosch und Schlingensief haben Ungeheuerliches geleistet. Sie haben den Glauben an das Theater zurückgebracht, auf radikale Weise – wenn radikal bedeutet, dass es an die Wurzeln geht, dass man Theater als hochkomplexes Zusammenspiel von Menschen und Ideen, von Körper und Zeit begreift. Dabei spielt es keine Rolle, wie spontan oder wie gemacht und inszeniert so eine Tschechow-Aufführung ist. Das Ensemble der „Möwe“, weit entfernt von einer Idealbesetzung auf allen Posten, kämpft nicht mit, sondern um Tschechow, mit denkbar größtem Einsatz. Es ist ein Ringen um die Existenz auf der Bühne, ohne dass die Akteure sich auf ein dramaturgisches Netz oder einen doppelten psychologischen Boden verlassen könnten. Sie betreten den leeren Raum, sie verharren in einem Käfig wilder, hungriger Tiere, und diese mitfühlende Bestie ist der andere, das Gegenüber.

Es gibt hier nichts zu romantisieren. Doch es lohnt, noch einmal in Susan Sontags gleichsam zu Tode zitierten Essay „Krankheit als Metapher“ zu schauen. Ein großer Arzt, schrieb sie, habe einmal die Gesundheit „das Schweigen der Organe“ und die Krankheit „ihre Revolte“ genannt. „Krankheit ist das, was durch den Körper spricht, eine Sprache, die das Geistige dramatisieren kann: eine Form des Selbstausdrucks. Groddeck beschrieb die Krankheit als ,... das Symbol, eine Darstellung eines inneren Vorgangs, ein Theaterspiel des Es ...‘“.

In seinem letzte Woche erschienenen Buch „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein!“ sagt Schlingensief: „Es ist eine sehr, sehr komische Situation, die die ganzen Kräfte, die zum Glück und Unglück führen, zu Freiheit und Unfreiheit, zu Liebe und Hass, irgendwo in sich birgt.“ Es schrieb das bald nach der Lungenoperation.

Diese Kräfte hat Schlingensief in der „Kirche der Angst“ freigesetzt. Ein Requiem, eine synkretische Messe, ein Fegefeuer, in dem auch die Eitelkeiten eines Provokationskünstlers verbrennen. Der Originalschauplatz, die alte Gebläsehalle im Duisburger Industriepark, verweist darauf, dass es hier auch nicht um ein Einzelschicksal geht. Es wird in einer aufgelassenen Kathedrale des deutschen Kapitalismus um das Überleben von Oper und Theater gespielt.

Gosch ist solches Pathos fremd. Er wirkt wie ein Gegenpol, so nüchtern, so kühl, dass einem heiß wird ums Herz. All diese verzweifelt komischen Theateranekdoten, die Tschechow scheinbar en passant in der „Möwe“ erzählt! Tschechow war Arzt, und dieses Stück ist eine ebenso vernichtende wie befreiende Diagnose aller Theateranstrengungen.

Hier kommen die beiden bedeutendsten Regisseure des Theatertreffens zueinander. Beide wollen und müssen aufs Ganze gehen – der stille Gosch, der wortgewaltige Schlingensief. Der strenge Protestant, der überschäumende Katholik. Der eine bohrt sich in die Tiefen und Untiefen der Individualität, stellt den nackten Menschen aus, der andere träumt von einem Festspielhaus in Afrika, weil er nicht mehr weiterweiß und weiterwill mit dem westlich-kulturbeladenen Individuum und dem hybriden Kulturbetrieb.

Was einen so mächtig umtreibt, ist ja tatsächlich ein umfassendes Krankheitsbild der Märkte und der Organismen. In den vergangenen Jahren hatte man oft das Gefühl, das Theater habe sich unsichtbar gemacht oder unberührbar, um nicht in existenzielle Prozesse hineingezogen zu werden und sich fundamentalen Fragen stellen zu müssen. Zuletzt war das Theater im Sontag’schen Sinn gesund und nicht einmal mehr in der Krise. Und plötzlich, niemand kann sagen, wann und warum das angefangen hat, revoltieren die unteren Schichten gegen die hybriden Über-Ichs, brechen sich Selbstheilungskräfte Bahn.

„Hier und Jetzt“ lautet das Motto des 46. Berliner Theatertreffens. Was für eine Erkenntnis. Was soll Theater, im Vergleich mit anderen Künsten, denn sonst sein, wie soll es sich anders erklären, feiern und legitimieren als hier und jetzt? Das ist sein Wesen, seine immer wieder neue Geburtsstunde, oder sein Ende. Das hatten offenbar auch viele Theaterleute vergessen – dass die Uhr tickt. Dass es auf der Bühne kein Morgen und kein Gestern gibt, kein Dort oder Sonstirgendwo. Schlingensief und Gosch haben uns daran erinnert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben