Bühne : Diven sind nicht totzukriegen

Off-Bühnen überraschen mit neuen Ideen: Das Kleine Theater holt den "Grauen Engel" zurück nach Berlin.

Patrick Wildermann
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„Marlene ist nicht tot. Sie lebt.“ Mit dieser frohen Botschaft beginnt Moritz Rinkes Reportage über den tausend Koffer schweren Nachlass der Dietrich, der sich nach der Überführung aus Übersee in einer Spandauer Fabriketage stapelt und den er als Journalist mit Lust durchwandert. Die Preziosen-Schau erlebt er als bizarren Film, in Großaufnahme die Briefe von Remarque, Gabin oder Wilder, Schnitt auf das Paillettenkleid aus „Foreign Affair“, Reißschwenk auf den Schminkkoffer – ein Memorabilien-Movie für die Spätgeborenen, die nur staunen können über so viel toten Glanz.

Aus dem Marlene-Traumstoff, damals in dieser Zeitung erschienen, ist 1995 Rinkes Theaterdebüt „Der graue Engel“ hervorgegangen, das nun selbst eine Art Heimholung erlebt, die Berliner Erstaufführung nämlich, im Kleinen Theater am Südwestkorso. Rinke bemüht sich darin zwar nicht um Lässigkeit der Perspektive, begegnet aber der Entrücktheit dieses Diven-Lebens seinerseits im Sprachschwebezustand, mit einem hohen Maß an poetischem Fernweh. „Man muss die Künstlichkeit wie einen Schutzschild vor das Leben halten“, das steht als Leitsatz auch über dieser Inszenierung von James Edward Lyons, der am Kleinen Theater bereits mehrere der biografischen Revuen inszeniert hat, die hier Programmschwerpunkt sind, unter anderem „Johnny Cash – The Beast in Me“.

Als Monolog zu zweit hat Rinke sein Stück angelegt, die Dietrich, die mit famoser Melange aus Pathos, Pose und absurder Komik von Agnes Hilpert gespielt wird, stimmt bettlägerig eine Art Schwanengesang über die eigene Legende an, umsorgt von einem stummen Diener (Urs Werner Jaeggi), der ihr die Zigaretten und Stichworte serviert. Die Pariser Wohnung, in der Marlene von der Rückkehr nach Berlin phantasiert, wird zu einem Erinnerungskarussell der ewigen Wiederkehr, die Szenen wiederholen sich, die Welt ist Rolle und Vorstellung. Da wird die Applaus-Platte aufgelegt, und die Strumpfbandsammlung mit den Namen von nahen und fernen Ex-Liebhabern auf der Innen- und Außenschenkelseite ein- und ausgepackt, „außen Josef von Sowieso, innen Maurice Chevalier“. Das besitzt seinen ganz eigenen Witz und auch eine schöne Melancholie.

Rinke hat mal mit der ihm eigenen Selbstironie über ein völlig aus dem Ruder laufendes Gastspiel des „Grauen Engels“ mit Lilo Wanders in der Hauptrolle geschrieben, wie da schon kurz vor der Vorstellung eine ältere Dame zur anderen sagt: „Ursula, bin ich gespannt auf die Musikeinlagen!“ Und der Dramatiker denkt: „Scheiße, es gibt ja überhaupt keine Musikeinlagen, soll ich jetzt noch schnell zur Technik laufen, damit die noch irgendwie ‚Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt’ einspielen?“ Ganz ohne Musik aber mag auch Lyons die Zuschauer nicht entlassen, deswegen stellt er eine Art Konzert ans Ende, ein „Berlin bleibt doch Berlin“-Best-of, das Hilpert mit toller Stimme erfüllt – wenngleich es nicht Rinkes Intention entspricht.

Der Clou ist natürlich, dass dieses Medley nun ganz in der Nähe von Marlene erklingt, die ihre letzte Ruhestätte auf dem Städtischen Friedhof an der Stubenrauchstraße gefunden hat, sie müsste sich noch nicht mal im Grabe umdrehen, um lauschen zu können. Und das Berlin-Kolorit gibt es quasi frei Haus.

Das Kleine Theater ist ja eine dieser Kiezbühnen, wie sie in der bewegten Berliner Szene vielfach eingegangen sind, aber immer wieder auch neu erblühen. Das wird man auch am 25. April in der ersten Langen Nacht der Opern und Theater erfahren, wenn es kreuz und quer durch die Stadt geht. Fünfzig Bühnen machen mit, schon logistisch eine Meisterleistung. Ein Kommen und Gehen. Gerade etwa verabschiedet sich das Theater Engelbrot wieder aus Moabit – der Versuch, im ehemaligen Hansa-Theater, in kulturell schwieriger Lage, einen Repertoire-Betrieb aufzubauen, ist gescheitert.

Doch wo eine Theatertür zufällt, öffnet sich eine andere, etwa die des „Heimathafens“, der gerade im Saalbau Neukölln eine neue Form von volksnaher Kunst verankern will. Und in wie vielen äußerlich unscheinbaren Hinterhöfen stehen wohl noch alte Ballsäle leer, die nur darauf warten, als Bühnen entdeckt zu werden? Das etablierteste Beispiel der jüngeren Vergangenheit ist da ja das Ballhaus Ost an der Pappelallee, das zur festen Adresse der freien Szene avanciert ist und zu einem Haus wie den Sophiensälen aufschließt, das im ehemaligen Gebäude des Handwerkervereins seit Mitte der neunziger Jahre die Off-Kultur hochhält. Der Wandel hat in Berlin ebenso Tradition wie die Pflege der Mythen.

Kleines Theater, Südwestkorso 64 (Friedenau), wieder heute, Sa, 2., Sa, 23. und Fr, 29. Mai, 20 Uhr. – An der „1. Langen Nacht der Opern und Theater“ am 25. April beteiligen sich 50 Bühnen. Sieben Shuttle-Buslinien transportieren die Zuschauer vom Bebelplatz aus zu den Theatern. Infos unter www.berlin-buehnen.de/langenacht

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