Bühne frei für Gott : Das Ballhaus zeigt "Nathan Messias"

"Nathan Messias" im Ballhaus Naunynstraße: Den Bewohnern Jerusalems ist der Himmel auf den Kopf gefallen. Aber ihrem Gott sind sie dadurch nicht näher gekommen. Tief gespannt drückt eine Gaze-Decke auf die karge Szenerie, das einzige Lebenszeichen, ein dünnes Bäumchen, versucht vergebens, dagegen anzuwachsen.

Patrick Wildermann
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Minenfeld Jerusalem. Die Darsteller Murat Seven und Sanam Afrashteh. Foto: M. Lieberenz

 Es herrscht Endzeitstimmung in dieser Stadt, die von einem machtpragmatischen jüdischen Bürgermeister (Uwe Preuss) regiert wird, und deren Menschen (Christen, Juden, Moslems) sich in Glaubens- und Gretchenfragen tief zerstritten haben. Die religiösen Führer sind da auch keine Stütze. Der Schauspieler Adolfo Assor ist Kardinal, Rabbi und Imam in einer Person, er stakst als polyphoner Popanz auf Stelzen umher und wirft Kamelle ins Rund – ein Karneval der Frömmelei. In diese hochnervöse Atmosphäre nun platzt die Nachricht von der Ankunft eines Messias mit Namen Nathan. Der ist, in smarter Gestalt von Murat Seven, herabgestiegen, um den falschen Priestern und verirrten Schäfchen die Messe zu lesen.

„Nathan Messias“ heißt die jüngste Theaterarbeit des Autorenduos Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, Regie führt Neco Çelik, der bereits deren MuslimaMonologe „Schwarze Jungfrauen“ und die Shakespeare-Nachdichtung „Romeo und Julia“ auf die Bühne brachte. Nun geht es Lessing an den Kragen, wobei von dessen „Nathan“-Handlung im Ballhaus Naunynstraße nicht mehr viel übrig geblieben ist. Wer aber erwartet hätte, dass Zaimoglu, Senkel und Çelik als Herren der Ringe das große blasphemische Pulverfass aufmachen, wie im Kino gerade Bill Maher mit seiner Satire „Religulous“, sieht sich getäuscht.

Nicht selten leben ja Zaimoglus und Senkels Texte, etwa der maßlose „Molière“Abend, von einer provokationslustigen Mischung aus ironischer Kraftmeierei, rotziger Poesie und juvenilem Pathos. Hier hingegen waltet ein seltsam heiliger Ernst. Wozu eigentlich werden wir ins Gebet genommen? Çelik setzt „Nathan Messias“ auf der stimmigen Bühne von Alexander Wolf und befeuert von der Musik der „Dance Floor Killer Machine“ durchaus konzentriert, mit gutem Ensemble und kurz und bündig ins Bild. Bloß trägt die Geschichte nicht. Eine lose auf Lessing-Motiven gründende Liebestragödie zwischen der Bürgermeistertochter (Sanam Afrashteh), ihrem muslimischem Lover (Ismail Deniz) und einem eifersüchtigen Christen (Atilla Oener) läuft völlig ins Leere: Wo die Figuren Schablonen bleiben, sind ihre Zwistigkeiten nicht mehr als ein Karikaturen-Streit.

Einzig aus der Frage nach der Verführbarkeit der Menschen werden momentweise irritierende Funken geschlagen. Schauspieler Murat Seven hat einen großen Auftritt als Engel der Apokalypse, der die drei monotheistischen Religionen als irregeleitete Auslegeware geißelt und den Sturm im Weihwasserbecken entfacht. Ein so bartloser wie unbarmherziger Prophet, der mit Knarre im Hosenbund die Offenbarung verkündet und dem die Massen zulaufen. Christen, Juden, Moslems sind ihm „das Pack Gottes“ – doch für welchen Glauben steht er? Leider bleibt seine Brandrede letztlich konsensfähig. Machtmissbrauch durch Religion anzuprangern und der schlichten Utopie eines Lessingschen Toleranzgedankens zu misstrauen, das weckt kaum Widerspruchsgeist. Das Stück spielt in einem Jerusalem der nahen Zukunft, also einem Minenfeld der fundamentalistischen Irrungen: und dann nur ein reibungsfreier Pro-Ethik- und Anti-Reli- Abend?

Wieder 19. bis 21. April, 20 Uhr

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