Das erste Stück im DT unter Ulrich Khuon : Im Bauch des Geisterschiffs

Das Deutsche Theater unter dem neuen Hausherrn Ulrich Khuon eröffnet mit "Herz der Finsternis".

Andreas Schäfer
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Seitwärts. Mit Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Joseph Conrads Afrika-Novelle startet Intendant Khuon nicht im Haupthaus,...Foto: M. Lieberenz

Und da kommt – der Abend ist wenige Minuten alt – auch schon das Schmiermittel Musik zum Einsatz. Ein leises Bumm- Bumm-Bumm, atmosphärisch, wie man heute sagt. Ein bisschen Gitarrengezupfe dazu. Man vergisst die Tonfolge schon beim Hören. Aber es geht um die langfristige Wirkung, denn dass dieses Bumm- Bumm-Bumm die nächsten zwei Stunden weiterpochen wird, ist sonnenklar. Es geht ums Zermürben, was, zugegeben, mit der Geschichte, mit Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, zu tun hat. Oder, um es weniger freundlich zu sagen: Es geht ums Einlullen, was viel mit der Arbeitsweise des Regisseurs Andreas Kriegenburg zu tun hat, mit dessen Uraufführung von „Herz der Finsternis“ das Deutsche Theater die Saison eröffnet – und damit die Intendanz des neuen Hausherrn Ulrich Khuon.

Man würde gern ein paar Fanfarenstöße zur herzlichen Begrüßung ausstoßen: Endlich, die Zeit des Wartens (und der Vorberichte) ist vorbei! Einer der erfolgreichsten Intendanten (Thalia Hamburg! Schauspiel Hannover!) hat mit einer neu zusammengewürfelten Schauspieltruppe die Arbeit am renommiertesten Berliner Haus aufgenommen! Aber das fiele definitiv unter die Rubrik künstliche Erregung, und genau die will man, wie Ulrich Khuon bei einer Matinee vor einigen Tagen versicherte, gerade nicht produzieren. Also, Ball flach halten und nüchtern feststellen: Unaufgeregter kann eine Hauseröffnung kaum ausfallen.

Während man andernorts zum Saisonauftakt auf die Pauke haut – an der Wiener Burg stellte sich Neu-Intendant Matthias Hartmann mit einem selbst eingerichteten hundertstündigen „Faust“ vor –, eröffnet das DT gewissermaßen von der Seite. Nicht im großen Haus, sondern in den Kammerspielen. Und mit einem Stück, dass es eigentlich gar nicht gibt und dass es allerdings – so die ernüchternde Erfahrung nach zweieinhalb pochenden Stunden – auch nicht unbedingt geben muss. Obwohl die literarische Vorlage, um im Bild zu bleiben, natürlich der Hammer ist.

Joseph Conrads Afrikanovelle aus dem Jahr 1899 ist ein literarisches Großereignis. Wahllos schlägt man das Bändchen auf, augenblicklich wird man mitgerissen, von der Kraft der Sprache, der Intensität der Wahrnehmungen, der alttestamentarischen Unerbittlichkeit der Geschichte, die Kapitän Marlow ins Zentrum von Afrika zieht, wo er im Auftrag einer belgischen Gesellschaft den Handelsagenten Kurtz ausfindig machen und dessen privates Tyrannenreich auflösen soll. Als Mischung aus König und dämonischem Urwaldgott hat Kurtz sich die Eingeborenen untertan gemacht. Doch die Reise wird zum Horrortrip.

Alle Maßstäbe, alle Grenzen lösen sich auf, genau wie es ihm ein Wissender prophezeit hatte: „Du kannst die Dinge nicht mehr unterscheiden, mit der Zeit, die Grenzen, verstehst du?“ Gut und Böse, Hell und Dunkel, alles zerfließt. Conrad protokolliert den Konturverlust der Welt, ihr Grau- und Diffuswerden wie mit weggeschnittenen Augenlidern.

Als Marlow Kurtz endlich erreicht, findet er ein Monster der Maßlosigkeit, ein degeneriertes, aufgeschwemmtes Urwesen, „eins mit dem dunklen Gott des Dschungels, dem Chaos der Leidenschaft. Die Wildnis hatte sich an ihm gerächt für seinen fantastischen Raubzug durch ihre Umarmung und ihn in sich selbst verwandelt ...“ Nicht nur Francis Ford Coppola hat sich mit „Apocalypse Now“ auf „Herz der Finsternis“ bezogen. Conrads grandiose Erzählung ist, wie das Programmheft schreibt, „die Matrix aller Afrika-Romane“. Doch wie erzählt man von diesem Rausch auf der Bühne?

Man erzählt eben. In einem ansprechenden Bühnenbild von Johanna Pfau, das nicht nur mit Schlamm und riesigen Pappmaschee-Negern aufwartet, sondern praktischerweise auch über eine Kletterwand aus Eisen verfügt, vorn zwischen Rampe und Decke, an der die Schauspieler, während sie die Geschichte allein oder im Chor erzählen, seemannsmäßig rauf- und runterklettern. Kriegenburgs Inszenierung ist ein zahmes Mischwesen geworden: halb Hörstück, halb Bilderreigen. Statt eines Herzens trägt dieses Wesen eine routiniert eingestellte Mechanik der Effekte in der Brust. Schon erstaunlich, wie äußerlich Kriegenburg diesen Trip ins Innere behandelt, mit welcher Bastelruhe er diesem existenziellen Wahnsinn begegnet.

Der Dramaturg John von Düffel hat die Erzählung gestrafft in Marlows Mund gelegt und hin und wieder Dialoge mit Figuren eingebaut, denen er auf seinem Weg zu Kurtz begegnet: ein Arzt, ein Schwede, ein Direktor, gierige Mitarbeiter, die im weißen Anzug über die Bühne stolzieren und von der Haltlosigkeit der Eingeborenen schwadronieren, bevor sie in den Reigen der Erzähler zurücktreten. Ähnlich wie in Kriegenburgs Kafka-Adaption von den Münchner Kammerspielen, die zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen war, tragen die Schauspieler kollektiv Schwarz und quetschen sich im Anfangsbild mit verrenkten Gliedern rechts kafkaesk gegen die Wände. Dunkel. Als das Licht wieder angeht, steht Markwart Müller-Elmau als Kurtz in der Mitte und hält einen kleinen Monolog über den „Zerreißpunkt“ des Menschen. Dunkel.

Natali Seelig steht als erster Marlow an der Rampe und wiederholt den Zerreißpunkt-Monolog, die Augen vor Erstaunen geweitet, während im Hintergrund fünf weitere Schauspieler, also fünf weitere Marlows, mit nacktem Oberkörper von einem Arzt untersucht werden. Der sechsfache Marlow! Das vermeintliche Spiel mit dem Motiv der Selbstauflösung bleibt müde Behauptung. Vor allem nutzt Kriegenburg den Chor für die simple Illustration der Handlungsstationen. Dabei ist auch ein gutes Dutzend Bambusrohre behilflich, die prima als Multifunktionsstäbe eingesetzt werden können.

Mal stampfen die Schauspieler damit im Kreis auf den Boden, später wird aus ihnen eine Schaukel, noch später dienen sie als Trommel. Schön ist das Knarzen, das entsteht, als die Schauspieler – Daniel Hoevels, Peter Moltzen, Harald Baumgartner, Olivia Gräser und Elias Arens – mit langen Holzstäben die Köpfe der riesigen Puppen drehen, die nach einer halben Stunde effektvoll aus dem Schnürboden herabgesenkt werden. So knarzen die Planken eines Geisterschiffs.

Tolle Geräusche. Tolle Puppen. Tolle Seeräuberfilmzitate. Nur von der Dringlichkeit, die aus jeder Zeile der Vorlage schreit, ist bei dieser kulinarischen Stilisierung nichts geblieben.

Deutsches Theater, Kammerspiele, wieder am 22., 27., 29.9. und 7., 13., 17., 18.10.

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