Der Bauch : Spur der Weiber

Deftiges Ding: Kurt Bartschs tolldreiste DDR-Parodie "Der Bauch" ist im Volksbühnen-Prater mehr als zu Hause.

Christoph Funke
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Angebissen. Küchenmädchen Anna (Inka Löwendorf) angelt sich einen Parteisekretär (Florian Lukas). Foto: DAVIDS/LindoerferDAVIDS/Lindoerfer

Zu einem richtigen Arbeiterstaat gehört ein richtiger Kartoffelsalat – so reimt Kurt Bartsch in seinem Songspiel „Der Bauch“, das vor fast genau 35 Jahren im zweiten Spektakel-Programm der Berliner Volksbühne aus der Taufe gehoben wurde. Nun ist der Arbeiterstaat weg, und über die Qualität des überlebenden Kartoffelsalats mag man streiten. Nicht aber über die hintergründige Subversivität eines sich harmlos und lustig gebenden, gerade mal 25 Druckseiten füllenden Textes. Kurt Bartsch nämlich lässt das Küchenmädchen Anna antreten gegen Kaderleiter, Brigadier, Bauarbeiter – und gewinnen.

Die Pfiffige gibt vor, schwanger zu sein, und erpresst von den beischlaffreudigen Männern Vorteile. Parteisekretär und Brigadier müssen kuschen und das Maul halten. Was nur ein harmloser Spaß sein könnte, entpuppt sich damit als gar nicht mal versteckter Sieg über die Macht von Staat und Partei – das Küchenmädchen legt die Großmäuligen mit ihren eigenen Argumenten aufs Kreuz.

Bartsch erzählt das im Bänkelsängerton, mit einem Brecht parodierend nachfolgenden Klang, meisterlich gebrochenen Rhythmen und oft listig verweigerten „schönen“ Reimen. Und holt alles ins Offene, Theater als Theater ausstellend, in einer Art Verschwörung mit den Zuschauern. Geredet, gesungen wird über Menschlich-Allzumenschliches, aber das hat es in sich, wenn etwa die Konfliktkommission nicht einberufen werden kann, weil „so viele Männer“ vor ihr sich rechtfertigen müssten, wegen ausufernder sexueller Aktivität. Kein neues Problem, und so schwingen sich die Songs auch ins Geschichtlich-Mythologische auf, zum Untergang der Stadt Babel oder auch nur zum Herrn Baron ins Bett. Schließlich bleibt, wieder eine alles andere als verschämte Brecht-Parodie, die Frage nach dem guten Schluss, auf der Bühne oder wenigstens im Leben.

Dass es Kurt Bartsch ernster war mit dem Spaß, als 1974 wahrgenommen wurde, weist schon seine Biografie aus. 1937 in Berlin geboren, brach er ein 1964 begonnenes Studium am Literaturinstitut Leipzig ab. Der Autor fügte sich politischen Vorgaben auch nach Veröffentlichung satirischer Texte und wenigen Aufführungen seiner Songspiele nicht. Ein Protestbrief an Erich Honecker wegen der Ausbürgerung Wolf Biermanns hatte den Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR zur Folge. Bartsch verließ den Staat, dem er den richtigen Kartoffelsalat zugeordnet hatte. Romane, Parodien, Hörspiele, Mitarbeit an Fernsehserien bestimmten nun sein poetisches Schaffen. Wie würde, nach Jahrzehnten, die Wiederbegegnung mit seinem frühen Songspiel „Der Bauch“ ausgehen?

Besser als in die raue, rot getönte, noch immer bewusst provisorische Welt des Volksbühnen-Praters in der Kastanienallee mit funkenden Lämpchen und rustikalem hölzernem Mobiliar hätte sie nicht passen können. Bauarbeiterromantik, die gibt es noch. Und Regisseur Andreas Merz macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er ein ganz deftiges Ding mit gestandenen Männern und einem pfiffigen Weib auf die kleine, hohe Bühne (Samuel Hof) packen will. Er teilt mit voller Kelle aus, unter Einsatz von Zwiebeln, Eiern, Möhren und mit einem Herd, in dem es brodelt. Spitzige Parodie kommt da nicht vor, und auch verborgene widerständige Feinheiten im scheinbar so harmlos vor sich hin brechtelnden Text werden nicht aufgespürt.

Merz donnert das Mannsvolk auf die Bühne wie die Steine aus der Schubkarre und lässt die drei Kerle gleich noch die Küchenmädchen mitspielen. Andreas Frakowiak und Kurt Naumann haben daran einen Spaß, den sie nicht verstecken. Ein bisschen feiner darf Florian Lukas als Parteisekretär sein, aber der Abend gehört Inka Löwendorf als Anna. Auf Liebreiz verzichtend, setzt sie Frechheit ganz ungehemmt ein – ihre Anna wird zunehmend überlegen, geht erst ein wenig verkrampft mit den Männern um, dann ganz locker und fröhlich. Die schon 1974 bejubelte Musik für den „Bauch“ schrieb Henry Krtschil, im Prater wird sie von Felix Raffel staunenswert behutsam elektronisch gedeutet, mitunter auch ins Zeitgenössische gehoben, sie wird zum Klangteppich. Die betörende, kraftvolle Wirkung des Originals bleibt im Prater jedoch, leicht verfremdet, erhalten.

Wieder am 18., 19., und 26. 9. sowie am 3., 17. und 31. 10., 22 Uhr

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