Deutsche Oper : Marquise in der Krise

Die Deutsche Oper Berlin macht sich für Ottorino Respighis Revolutionsdrama "Maria Victoire" stark.

Frederik Hanssen

Ottorino Respighi? Ist das nicht der Komponist, der Brunnen und Bäume in schillernde Klanggemälde verwandeln kann? Mit seiner ab 1916 entstandenen Orchester-Trilogie „Pini di Roma“, „Feste Romane“ und „Fontane di Roma“ hat sich der Italiener seinen Platz im Konzertrepertoire gesichert. 1910 aber, als der 31jährige Bürgersohn aus Bologna von einem Verleger unter Vertrag genommen wird, kann er sich seine Sujets noch nicht aussuchen. Edoardo Sonzogno hatte in Paris gerade das Revolutionsdrama „Marie Victoire“ des Modedichters Edmond Guiraud gesehen und wünschte sich, dass sein neuer Schützling eine Oper daraus macht.

Respighi willigt ein, akzeptiert auch, dass der mit der Musiktheaterpraxis wenig vertraute Guiraud selber die Libretto-Fassung liefert. 1914 ist die Partitur vollendet, doch keine Bühne will das Stück spielen. Erst 2004, 68 Jahre nach dem Tod des Tonsetzers, wird „Marie Victoire“ in Rom vorgestellt. Am Gründonnerstag kam das Werk nun auch an der Deutschen Oper Berlin heraus.

Dass Katharina Wagner, die ursprünglich als Regisseurin vorgesehen war, aufgrund ihrer Bayreuther Verpflichtungen abgesagt hat, erweist sich als Glücksfall. Der routinierte Realismus, mit dem der „Einspringer“, der 76-jährige Johannes Schaaf, die Handlung nacherzählt, hilft dem Publikum, der unbekannten, verwickelten Geschichte mitfühlend zu folgen. In historischen Kostümen (Petra Reinhardt) irren die Protagonisten durch die Trümmer des ancien régime (Bühne: Susanne Thomasberger): Der Marquis de Lanjallay und seine Frau Marie sind aufs Land geflüchtet, werden aber bald durch die Revolution getrennt. Marie wird mit anderen Adeligen ins Gefängnis geworfen. Weil sie ihren Mann tot glaubt, gibt sie in der Nacht vor der Hinrichtung dem Werben des Chevalier de Clorivières nach. Kaum ist der Liebesakt vollzogen, trifft die Nachricht von Robespierres Enthauptung ein: Die Befreiten jubeln, nur die entehrte Marie bricht zusammen.

Da ist gerade erst der zweite von vier Akten zu Ende. 21 Solisten muss Schaaf in diesem ausufernden Ensemblestück als Individuen erkennbar machen. Er tut es ebenso konventionell wie professionell – und alle ziehen mit. Mangelndes Engagement kann man den Beteiligten an diesem Berliner Wiederbelebungsversuch nicht vorwerfen. Jede Rolle ist angemessen besetzt, die Protagonisten Takesha Meshé Kizat, Markus Brück und Germán Villar gehen leidenschaftlich an ihre Grenzen, der Chor der Deutschen Oper zeigt sich in Bestform, das Orchester spielt unter dem bekennenden „Marie Victoire“-Fan Michail Jurowski hoch motiviert.

Und doch werden es vier lange Stunden an der Bismarckstraße, weil Respighis Klangsprache harmonisch wie atmosphärisch zu eintönig bleibt. Es dominiert eine nervöse, hitzige Grundstimmung, ein unablässiges Drängen und Pochen, mit düsterem Blech, verschatteten Holzbläsern, bohrenden Streichern. Der massive Orchestersatz, der sich allzu oft in einem schwerfälligen, humpelndenRhythmus vorwärtsbewegt wie ein schwankender Riese, ist für die Sänger extrem undankbar, weil Respighi ihnen keine ariosen Inseln anbietet, keine „schönen Stellen“, mit denen sie brillieren können.

Mit Ausgrabungen vermeintlich zu Unrecht vergessener Meisterwerke will Kirsten Harms ihre 2004 begonnene Ära als Intendantin der Deutschen Oper prägen. Die eher mäßige Fortüne, die ihr damit bislang beschieden war, hat sicher auch dazu beigetragen, dass derzeit intensiv über ein neues Leitungsteam für das Haus ab Herbst 2011 nachgedacht wird. Mag es nach der „Marie Victoire“-Premiere auch lange anhaltenden Applaus gegeben haben: Erneut bestätigt sich der Verdacht, dass bei der Wahl des Stücks in erster Linie die dramatische, nicht aber die musikalische Qualität ausschlaggebend gewesen ist.

Bei aller effekthascherischen Melodramatik fasziniert Guirauds Vierakter, weil er die Dreiecksgeschichte geschickt aus dem historischen Kontext zu entwickeln weiß. Virtuos, wie er die Reaktionen der Adeligen auf die Inhaftierung zeichnet: Sie fliehen in literarische Traumwelten, biedern sich bei den Revolutionären an oder tanzen einfach weiter ihr Menuett, als sei nichts geschehen. „Diese Fülle an dramatischem Stoff hätte ein weniger geschicktes, weniger erfahrenes Talent vielleicht in Verlegenheit gebracht“, lobt eine zeitgenössische Rezension. Der Komponist Respighi dagegen war „Marie Victoire“ stilistisch nicht gewachsen. Sicher, er hatte sich in Europa ausführlich umgehört, als Bratscher in St. Petersburg, als Klavierbegleiter in Berlin, bei diversen Anstellungen in Italien, doch die Meisterschaft, mit der er später in seinen sinfonischen Werken Rimski-Korsakows pralle Farbigkeit, Richard Strauss'' virtuose Instrumentation und das klangliche Raffinement der Franzosen zusammenführen sollte, stand ihm hier noch nicht zu Gebote.

So verwundert es kaum, dass sein Verleger wenig unternahm, um „Marie Victoire“ an einer Bühne unterzubringen. Und auch der Komponist legte das Jugendwerk bald ad acta, schrieb lieber sechs weitere Opern (von denen allerdings keine einzige dauerhaft Erfolg hatte). Hätte Giacomo Puccini „Marie Victoire“ in die Hände bekommen, mit seinem unerbittlichen Theatergespür wäre es ihm sicher gelungen, das weitschweifige Stück zum Thriller einzudampfen. Der junge Respighi hatte weder die nötige Entschlossenheit dazu noch eine ausreichende Begabung als Bühnenkomponist.

Weitere Aufführungen am 16., 19., 22. und 24. April. Am heutigen Sonnabend um 19 Uhr auf Deutschlandradio.

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