Deutsche Theater : Finsternis der Herzen

Das Deutsche Theater setzt sein Afrika-Doppel mit Stephan Kimmigs Uraufführung von "Öl" fort. Eine Durchdringung der Welten, ein Irrlichtern und Weiterwuchern und ins Bewusstseinfressen der Schuld hört an diesem großen Abend nicht mehr auf.

Andreas Schäfer

Fortsetzung des Zweiteilers zum Thema Afrika oder die Fremde in uns: Nachdem Andreas Kriegenburg am Donnerstag Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ aus seiner Trickkiste virtuos, aber ratlos zusammenjongliert hat, eröffnet Stephan Kimmig mit der Uraufführung von Lukas Bärfuss’ „Öl“ das Deutsche Theater im Großen Haus ein zweites Mal – nun aber richtig. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Bei Kriegenburg wurde das Fremde imposant bebildert und in die Ferne der Belanglosigkeit entrückt. Bei Kimmig darf das Fremde leben – und bedrohlich wachsen. Erst liegt es wie Bodennebel über der Weite eines ausgebeuteten fernen Landes, in das Bärfuss das Ehepaar Kahmer auf der Suche nach Öl schickt. Dann steht es als somnambule Erscheinung im Zimmer, um schließlich kalt in den Figuren aufzuzüngeln und einen inneren Bildersturm zu entfesseln.

Auch Bärfuss und Kimmig arbeiten mit einem kleinen Trick, um Grenzen durchlässig zu machen und die Bedrohung von außen nach innen zu verlagern. Aber wie einfach dieser Trick doch ist, wie genial!

Er geht so: Eine Frau, die möglicherweise keine Frau, sondern ein Mensch gewordener Engel ist und von Susanne Wolff mit der Würde eines Mönchs gespielt wird, sitzt neben Eva Kahmer, die als hochneurotisches westeuropäisches Mittelschichtswrack die Leere ihrer Tage mit Unmengen von Alkohol wegzuspülen sucht und in ihrer aufbrausenden Zerbrechlichkeit grandios von Nina Hoss gegeben wird. Sagt die eine Frau: „Schließ’ die Augen.“ Nina Hoss zuckt zurück, dreht sich panisch zur Seite. „Schließ einfach die Augen“, wiederholt die Frau – und macht es vor: geschlossene Augen, entspannte Haut, das innere Sehfeld glatt wie ein See. Eva probiert es: tiefe Furchen in der Stirn, verzerrter Mund, zusammengepresste Lider – eine Gesichtslandschaft der Angst, verwüstet von der ungeheuerlichen Anstrengung, der inneren Wirklichkeit eben nicht ins Auge zu sehen.

Aber der Zuschauer sieht dieses Innenleben – gespiegelt in der Fratze des Widerstands, Bilder, die gar nicht mehr gezeigt werden müssen, von einem Mädchen zum Beispiel, das bald hingerichtet wird. Dieses Spiegeln, diese Durchdringung der Welten, dieses Irrlichtern und Weiterwuchern und ins Bewusstseinfressen der Schuld hört an diesem großen Abend nicht mehr auf.

Anfangs sind die Ebenen freilich noch säuberlich voneinander getrennt und man wähnt sich in einem normalen Ehedrama, das sich, weil Herbert Krahmer mit seinem Ingenieur Edgar Bron in den Wäldern nach Öl sucht, zwischen seine Frau und ihre einheimische Haushaltshilfe Gomua verlagert hat. Ein Kellerraum mit Betonwänden, alte Ledersessel, eine Haushaltsleiter und eine Menge leere und volle Flaschen (Bühne: Katja Haß).

In dieser Trostlosigkeit haust Eva Kahmer seit drei Jahren. Aus Verzweiflung darüber, dass ihr Mann kein Öl findet, schüttet sie ihre Verachtung über Gomua aus und zwingt sie zu sadistischen Deutschlernübungen. Nina Hoss ist als Eva herrisch und kindisch und bei der schlimmsten Erniedrigung immer auch Opfer ihrer eigenen Projektionen. Margit Bendokat gibt die Gomua als unerschütterlich jede Beschimpfung erduldendes und seltsam geheimnisvolles Wesen. Bis zum Schluss weiß man nicht, ob sich hinter ihrer Ungerührtheit Einfältigkeit oder Intelligenz verbirgt. Mit Sicherheit aber die nackte Not.

Einmal bittet sie Eva um einen freien Nachmittag, weil ihr Sohn mit ihr auf ein Fest gehen möchte. Gefühlig drückt sich ihre Herrin an einer Wand entlang, spielt sich in falsches Mitgefühl hinein, um der Angestellten dann mit Entlassung zu drohen, falls sie geht. „Bitte entlassen Sie mich nicht“, bettelt Gomua, während Eva ihre Macht versonnen genießt.

Immer wieder taucht die geheimnisvolle Frau auf, wenn Eva allein ist. Ein Traum, eine Fremde, Evas „höheres Selbst“? Die Welten vermischen sich erst, als ihr Mann Herbert (mit übertriebener Erregung: Felix Goeser) und sein Assistent Edgar (Ingo Hülsmann) zurückkommen. Herbert bringt seiner Frau ein Nomadenkleid mit. Und erzählt, dass ein Nomadenmädchen einen Anschlag auf sie, die Ölsucher, verübt hat, dem ihr einheimischer Fahrer zum Opfer fiel. Das brandstiftende Nomadenmädchen hat Herbert selbst gefasst, aber von dem Moment an, in dem Eva das Nomadenkleid überzieht, ist sie auf unheimliche Weise mit dem Schicksal des Mädchens verwoben. Was ihr nach und nach die Schließdie-Augen-Frau klarmacht.

Geschickt zieht Bärfuss nun eine dritte Ebene ein. Assistent Edgar ist in Eva verliebt, genaueres erfährt der Zuschauer freilich so wenig wie Evas Gatte. Die Eifersuchtsgeschichte schiebt sich in den Vordergrund, während sich im Verborgenen die schrecklichen Konsequenzen des Anschlags anbahnen. Alle Stränge verschlingen sich auf unheilvolle Weise, als die beiden Männer tatsächlich Öl finden. Die Aussicht auf Millionen sprengt den Firnis der Menschlichkeit, der bisher noch gnädig über den Beziehungen schimmerte, und offenbart einen nackten Blick in den Abgrund aus Gier, Lüge und schuldhafter Verstrickung.

„Meinst du, es gibt einen Weg zurück?“, hatte am Abend zuvor das Ausbeutungsmonster Kurtz in „Herz der Finsternis“ gefragt. Lukas Bärfuss und sein leiser, präziser Regisseur Stephan Kimmig zeigen schmerzhaft, dass keine große Wahl mehr hat, wer einmal in die Finsternis des eigenen Herzens schaute.

wieder am 24. u. 30.9., 7., 10. und 15. 10.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben