Deutsches Symphonie-Orchester : Metzmacher will nicht mehr

Der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin gibt auf – das hat für die Musikstadt fatale Folgen.

Frederik Hanssen
Ingo Metzmacher
Im nächsten Jahr ist Schluss. Ingo Metzmacher, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters will seinen Vertrag nicht...Foto: Stephanie Pilick

Als Mitte Februar bekannt wurde, dass die Berliner Rundfunkchorchester und -chöre GmbH (ROC) sich über eine Etaterhöhung von sechs Millionen Euro ab 2010 freuen kann, gab das zu schrecklichen Befürchtungen Anlass: Würden die vier ROC-Mitglieder – der Rundfunkchor, das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO), der RIAS-Kammerchor und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) – nun auch in eine öffentliche Schlammschlacht um die Verteilung der Mittel geraten, so wie das bei den Berliner Opern der Fall gewesen war, als ihr Gesamtetat um 20 Millionen Euro aufgestockt wurde? Mit der unappetitlichen Neiddebatte hatten sich die Musiktheater nicht nur alle anderen Bühnen der Hauptstadt zu Feinden gemacht, sondern auch wesentlich zur Kulturverdrossenheit der Berliner Lokalpolitiker beigetragen.

Und tatsächlich – gestern ging es nun bei der ROC los: Erstes Opfer ist Ingo Metzmacher, der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters. Eigentlich sollte nur die kommende Saison präsentiert werden, die ganz um das Thema „Versuchung“ kreist. Doch am Ende der Pressekonferenz trat Metzmacher noch einmal ans Mikrofon und erklärte, er werde seinen bis zum Sommer 2010 laufenden Vertrag nicht verlängern, da seinem Orchester eine „inakzeptable dauerhafte Stellenreduzierung“ bevorstehe. Fragen seien jetzt nicht zugelassen.

Allgemeines Entsetzen im Saal. Auch Orchestervorstand Michael Mücke tat überrascht, ließ im persönlichen Gespräch dann aber doch die Katze aus dem Sack: Das Orchester habe sich mit Zweidrittelmehrheit für eine Weiterarbeit mit Metzmacher ausgesprochen - unter der Bedingung, dass der bestehende Einstellungsstopp aufgehoben werde. Derzeit sind beim DSO 101,5 Stellen besetzt, ROC-Intendant Gernot Rehrl habe am Mittwoch erklärt, künftig 103 Stellen ausfinanzieren zu können. Auf dem Papier aber stehen 114 Stellen. Dem Chefdirigenten sei darum keine andere Wahl geblieben als hinzuschmeißen: „Er hat nur sein Wort gehalten.“

Skandalös sei jedoch, so Mücke, dass bei dem von Marek Janowski geleiteten RSB die Personaldecke erhöht werden solle. Seit der Gründung der ROC 1994 stehen die Orchester in erbitterter Konkurrenz, wobei bislang das DSO als Flaggschiff behandelt wurde. Da das RSB aber einen deutlichen Qualitätssprung gemacht hat, wollen die Gesellschafter beide Ensembles nun gleichstellen. Beim DSO-Vorstand klingt das so: „Janowski will sich auf unsere Kosten gesundstoßen.“

Was sind Metzmacher Beweggründe? Hat er ein besseres Angebot anderswo (man raunt von Zürich)? Oder mochte er dem Druck der Musiker nicht mehr standhalten, die von ihrem Chef erwarten, dass er mehr für sie „herausholt“? Wie dem auch sei: Mit seiner Entscheidung, den internen Machtkampf publik zu machen, wird der Dirigent wohl die gesamte ROC in den Abgrund reißen. Denn das Geld, um das hier gestritten wird, gibt es noch gar nicht: Verlässliche Zusagen gibt es nur von zwei der vier Gesellschafter, dem Deutschlandradio und der RBB. Der Bund und das Land Berlin dagegen müssen sich eine Etaterhöhung vom Parlament genehmigen lassen. Kulturstaatssekretär André Schmitz hat am Montag im Abgeordnetenhaus klargemacht, dass juristisch kein Anspruch auf den hauptstädtischen Beitrag besteht, solange der Doppelhaushalt 2010/11 nicht von den Volksvertretern beschlossen ist.

Warum aber sollten die Parlamentarier in Krisenzeiten mehr Geld für eine Institution lockermachen, die zum Dank ihre schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit wäscht? Die Satzung der ROC sieht vor, dass, wenn ein Partner ausschert, alle anderen mitziehen müssen. Sollte also das Abgeordnetenhaus seine Zustimmung zum Sechs-Millionen-Euro- Geldsegen verweigern, dann gibt es weder die Mittel zum Ausgleich des in der Vergangenheit entstandenen strukturellen Defizits noch Rücklagen für künftige Gehaltserhöhungen und schon gar keinen Cent mehr für Planstellenspiele.

Zu den „Versuchungen“, denen sich Ingo Metzmacher in der kommenden DSO-Saison aussetzen will, gehört auch Richard Strauss’ „Salome“: In der Oper lässt die Prinzessin den Propheten Jochanaan enthaupten, weil der ihr einen Kuss verweigerte. Als man ihr den Kopf bringt, liebkost sie den Leichnam – und ruft: „Es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. Sie sagen, dass die Liebe bitter schmeckt. Doch was soll’s: Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan!“

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