Deutsches Theater : Das brüchige Ich

Grandiose Inszenierung: Andreas Kriegenburg inszeniert Molières "Menschenfeind" am Deutschen Theater.

Andreas Schäfer

Man sieht alles – und nichts. Man sieht Hautporen und Bartstoppeln, Falten und Risse in den Lippen. Man sieht geplatzte Äderchen im Weiß der aufgerissenen Augen und geschwollene Halsschlagadern, blutrot angelaufene Schädel und Speichelnester in Mundwinkel. Man sieht die Ausdrucksfülle und Schönheit des gelebten menschlichen Gesichts, die Ausdrucksvielfalt von riesigen Gesichtslandschaften, deren Präsenz und Vitalität man nur bestaunen – aber eben nicht mehr lesen, nicht begreifen kann.

Man sieht in Andreas Kriegenburgs grandioser Inszenierung von Molières „Der Menschenfeind“, die nach ihrer Premiere am Hamburger Thalia Theater nun auch am Deutschen Theater zu erleben ist, während anderthalb wuchtiger, kurzweiliger Stunden fast unablässig die Gesichter zweier wechselnder Schauspieler auf zwei Videoleinwänden ins Monströse vergrößert – und dadurch entpersonalisiert. Es ist Mimik pur, die reine Erregung, wirkungsstark, aber zugleich schwindelerregend sinnlos, eine Art optisches Rauschen, das auf bildlicher Ebene das Herz des Dramas auf die Bühne bringt.

Denn Alceste, Molières Menschenfeind, ist vom verlogenen Getue seiner Mitmenschen so angewidert, dass er nur aufrichtig sprechen kann. Ohne Rücksicht nimmt er das Verhalten der anderen sozusagen unter die Lupe, klopft sie auf falsche Töne ab, um die Wahrheit hervorzupulen. Als er dem geckenhaften Oronte ins Gesicht sagt, dessen Sonett sei Schrott, wird er von diesem vors Gericht gezerrt. Alcestes Tragik besteht darin, dass er mit seinem Aufdeckungsfuror auch vor dem schimmernden Vorhang, der den Bereich des Gesellschaftlichen vom Intimen trennt, nicht haltmacht. Alceste liebt Célimène, und Célimène liebt Alceste, obwohl ihr auch das Intrigieren und Feiern Spaß machen. Alceste bohrt immer tiefer nach dem ungreifbaren Gefühlszentrum seiner Angebeteten. Doch, oh Schreck: das Eigentliche offenbart sich nicht. Stattdessen löst sich die wahre Empfindung auf. Alcestes Analysen enthüllen nicht die Wahrheit, sie hinterlassen nur Zweifel. Er bemerkt alles – erkennt aber nichts mehr.

Kriegenburgs Videovergrößerungen sprechender Gesichter lösen im Zuschauer genau jene aufwühlende Intensität aus, an der Alceste leidet. Jörg Pose gibt ihn mit aufbrausender Zaghaftigkeit. Pose zeigt Alceste als jemanden, der jede Attacke gegen den Lügenpanzer der anderen auch dazu nutzt, ein Mäntelchen der Selbstgerechtigkeit um sein brüchiges Ich zu legen. Aber nicht nur für die Kämpfe des Ich, auch für die Tänze des Wir findet der Regisseur ein starkes, weil schaurig ambivalentes Mittel. Wenn die Schauspieler nicht unsichtbar hinter den Videoleinwänden von Kameras auf eben jene übertragen werden, bewegen sie sich mit schlafwandlerischer Eleganz auf dem Parkett eines Tangoballs. Zu verführerisch melancholischen Klängen tanzen die Höflinge in wechselnden Konstellationen, sitzen versonnen am Bühnenrand oder streichen versunken mit den Fingen über die übergroßen Bilder derer, die gerade auf den Wänden abgebildet sind.

Unentwirrbar ist die Schönheit der Form mit dem Horror der narzisstischen Pose verbunden. Es gibt kein Wahrheit oder Lüge, kein richtig oder falsch, dafür das ewige Sowohl-als-auch. Und es gibt acht großartige Schauspieler, deren Spiel mit choreografischer Präzision ineinandergreift und die dafür sorgen, dass dieser Befund schmerzhaft unter die Haut geht. Helmut Mooshammer als aggressiv lächelnder Alceste-Freund Philinte, das Kraftpaket Alexander Simon als Möchtegern-Dichter Oronte, Markwart Müller-Elmau als meckernder Giftzwerg Clitandre, Verena Reichardt als lakonische Spieldurchschauerin Arsinoé, Caroline Dietrich als erotisches Gesellschaftsbunny Eliante, Claudius Franz als schleimender Zeremonienmeister Acaste und schließlich die herausragende Judith Hofmann. Ihre Célimène ist von quecksilbriger Lebendigkeit, einerseits aufrichtig zugewandt, andererseits divenhaft entrückt. Ob aus dem Jahr 1665 oder von heute. Dieser Abend ist aus einem Guss – also von immer.

Wieder am 17., 18. und 22. Dezember.

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