Deutsches Theater : Der Betrieb rast

Armin Petras inszeniert Armin Petras am Deutschen Theater Berlin. Haben Sie sich sein Stück "Rose oder Liebe ist nicht genug" angesehen? Wenn ja, schreiben Sie doch hier auf, wie Sie es fanden. Bitte nutzen Sie dazu die Kommentarfunktion unter diesem Text.

Andreas Schäfer
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Im Clinch. Susanne Wolff, Peter Moltzen in "Rose oder Liebe ist nicht genug".Foto: DRAMA

Es wird viel geschrien und fiebrig schnell gesprochen, was kein Wunder ist, denn das Stück „Rose oder Liebe ist nicht genug“ spielt im Rockstarmilieu der grellen achtziger Jahre. Außerdem platscht alle zwei Minuten ein Schwall Wasser von der Bühnendecke. Des Weiteren flimmert alle zehn Minuten das singende Gesicht von Karen Dalton über eine Projektionsfläche. Kurz gesagt: Es ist mächtig was los bei der Berlin-Premiere von Armin Petras’ Stück, das er auch gleich selbst inszeniert hat.

Trotzdem meint man im Lauf dieser ratlosen anderthalb Stunden etwas anderes zu vernehmen: ein seltsames Knarzen. Als würde eine turmhohe, windschiefe Konstruktion kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Es ist das System einer halsbrecherischen Inszenierungspraxis, dass man da so ein Schwanken hört, das Eigengeräusch eines fast schon hysterisch vernetzten Theaterbetriebs, in dem nicht nur jeder mit jedem kann, sondern auch jeder alles macht – und das überall.

Während auf der Bühne also ein paar unterforderte Schauspieler schlimme Floskeln über die Liebe und das Leben als solches von sich geben und ansonsten alle Mühe, Klischees aus dem Musikerbusiness so exaltiert wie möglich auszuspielen (Koksen gleich aus der Plastiktüte! Whiskysaufen trotz Schwangerschaft!), lauschen wir ein bisschen in den Hintergrund hinein und versuchen, ein paar Verstrebungen dieses verrücktspielenden Systems nachzuzeichnen.

Denn das Ungewöhnlichste an diesem Abend ist der Ort, an dem er stattfindet. Der Regisseur Armin Petras inszeniert den Autor Armin Petras nämlich nicht am Maxim Gorki Theater, wo Petras Intendant ist, sondern am Deutschen Theater, also bei der Konkurrenz. Dass Regisseure in unterschiedlichen Städten arbeiten, ist üblich. Dass Regisseure in einer Stadt an mehreren Häusern inszenieren, ist selten. Es kommt aber vor, etwa bei Dimiter Gotscheff, der in den letzten Jahren für die Volksbühne und das Deutsche Theater gearbeitet hat. Dass jedoch Intendanten am Nachbarhaus gastieren, ist aus gutem Grund sehr unüblich. Wäre es nämlich anders, ginge ziemlich schnell das verloren, was jedes Haus braucht, um überlebensfähig zu sein: einen Geist, ein Klima, ja, vielleicht sogar eine Haltung.

Man muss die Besonderheit des Eigenen nicht gleich so aggressiv in Abgrenzung zu anderen Häusern behaupten wie es Claus Peymann aus den Lautsprechern seines Berliner Ensembles tut – aber ohne Differenz geht es nicht. Fragt sich also, warum der Vielarbeiter Petras unbedingt am DT inszenieren muss? Tut er gar nicht. Das Stück wurde im Mai am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt, das der neue DT-Intendant Ulrich Khuon damals noch geleitet hat. Khuon hat den freien Regisseur Armin Petras sozusagen nach Berlin mitgebracht, wo sein Doppelgänger, der Intendant Petras, ihn schon mit gespenstischem Lächeln erwartet.

Absurder (vielleicht auch perfider!) wird das Ganze durch die Tatsache, dass „Rose oder Liebe ist nicht genug“ so ziemlich das schlechteste Stück ist, das Petras (oder Fritz Kater, wie er sich auch nennt) jemals geschrieben hat. Eine nostalgische Klamotte um die psychisch labile „Barschlampe“ Gina (Susanne Wolff), die mit dem psychisch labilen Gitarristen Ed (Peter Moltzen) zusammen ist. Weil Ed den Musikproduzenten Lemmy (Andreas Döhler), nachdem der Gina geschlagen hat, halbtot prügelt, muss er in die Psychiatrie. Als er zehn Jahre später rauskommt, hat Gina drei Kinder und ist mit dem Fernsehmann Jonas (Daniel Hoevels) verheiratet, den sie verlässt, um wieder mit ihrem „Ex-Lyriker“ zusammenzusein. Liebe ist eben doch genug!

Was Ironie und was ernst gemeint ist, verrät der Text nicht. Auch nicht den Grund, warum er überhaupt auf der Welt ist, außer den, in Auftrag gegeben worden zu sein. Einige Sätze werden sogar den falschen Figuren zugeschrieben – als hätte der Autor beim Runterhacken im ICE kurzzeitig die Orientierung verloren. So sieht auch die Witz-komm-raus-Inszenierung aus: wie der leblose und desto gnadenloser auf Pointe getrimmte Effekt eines rasenden Betriebs.

Beim Verbeugen wirkt Armin Petras regelrecht verschämt, als wollte er von der Bühne fliehen. Kann aber auch sein, dass er noch zur Nachtprobe ins Maxim Gorki muss, wo seine „Opening Night“ nach dem Film von John Cassavetes in zwei Wochen Premiere hat. „Rose oder Liebe ist nicht genug“ ist übrigens eine Adaption des Films „She’s so lonely“ von Cassavetes’ Sohn Nick. Nächstes Mal dann mehr zum Thema Mehrfachverwertung.

Wieder am 27. 10 und 7., 15. u. 29.11.

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