Deutsches Theater : Schreie im Sturm

Bewegend: Jürgen Gosch inszeniert Roland Schimmelpfennigs „Idomeneus“ am Deutschen Theater.

Andreas Schäfer

Es führt über den Main/ Eine Brücke von Stein/ Wer darüber will gehn/ Muß im Tanze sich drehn/ Fa-la-la-la-la/ Fa-lala-la. Im Buch steht dieses Lied unter der Rubrik „Tanz und Frohsinn“, dabei war es im Mittelalter ein Totentanz. Nicht nur für die Anthroposophen trennt und verbindet die Brücke Diesseits und Jenseits. Man muss tanzen auf ihr. Anders geht es nicht.

In Jürgen Goschs Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs „Idomeneus“ am Deutschen Theater spielt die Schauspielerin Meike Droste auf dem Akkordeon ein paar Takte dieses Liedes, während die anderen neun Schauspieler (Niklas Kohrt konnte krankheitsbedingt nicht auftreten) stumm auf einer weißen Sitzstufe hocken. Gesungen wird nicht. Den Text dieses tieftraurigen Liedes muss man sich dazu denken. Genauso wie das, was die Schauspieler in den Weiten des Zuschauerraums schreckgebannt anstarren. Überhaupt findet das meiste an diesem ungewöhnlichen, beklemmenden Abend nur in der Vorstellung des Zuschauers statt.

Idomeneus, König der Kreter, gerät nach zehnjähriger Kampfesabwesenheit (Troja!) auf der Rückfahrt in einen solch heftigen Sturm, dass er Poseidon verspricht, den Erstbesten zu töten, der ihm begegnet – falls er überlebt. Die Wogen glätten sich, und der erste, der „im Zickzack“ an den Strand gesprungen kommt, ist sein Sohn Idamante. Ob Idomeneus seinen Sohn nun umbringt oder nicht: Darüber sind sich selbst die Autoren der Antike uneins. Mozart lässt in seiner „Idomeneo“Oper Gnade walten (man erinnert sich an Hans Neuenfels’ religionskritische Inszenierung an der Deutschen Oper, die wegen eines abgeschlagenen Mohammed-Kopfes 2006 Skandal machte). Idomeneo bricht sein Versprechen, indem er Idamante auf eine Insel schickt. Aber die Götter trickst man nicht aus. Sie lassen sich erst besänftigen, als Idomeneo bereit ist, auf seinen Thron zu verzichten.

Geopfert werden muss. Nur wie, das ist die Frage. Schimmelpfennig macht in „Idomeneus“ – 2008 zur Eröffnung des Münchner Cuvilliétheaters von Dieter Dorn uraufgeführt – aus dieser Ausgangssituation ein intelligentes Musiksprachstück der Möglichkeiten. Der Schauspieler-Chor spielt nicht, sondern erzählt in wechselnden Konstellationen die Ereignisse, verwirft sie, ändert, kommentiert, dichtet dazu. Nachdem erst mit wirkmächtiger Knappheit die Tötung und Schächtung des Sohnes beschrieben wird, wird das Opfer wieder zurückgenommen („So ist es nicht gewesen“). Der Chor rettet sich in eine märchenhaft friedvolle Variante, in der die zu Hause gebliebene Frau Meda dem Heimkehrer wie in einer heutigen Vorabendserie erzählt, was sein Sohn in der Zwischenzeit alles getrieben hat (er hat ein Kind mit einer Fischerstochter gezeugt), bevor er die Idylle in ein Eifersuchts- und Betrugsszenario kippen lässt, in dem Nauplios, der Sklavenhändler, den Zurückgekehrten schon hämisch grinsend im Bett Medas erwartet.

Das Spiel mit den Ebenen, die Auflösung von Grenzen und die poetisch-melancholische Stimmung, die daraus entsteht, gehört nicht erst seit „Die Arabischen Nacht“ zu Schimmelpfennigs Stücken. In „Idomeneus“ ist dieses Traumhafte aber von alptraumhafter Düsternis. Das Vorstellungsspiel ist nie Leichtigkeitsselbstzweck, sondern der hilflose Ausdruck eines Mannes, der sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Fantasiemitteln gegen die Erkenntnis wehrt: Ich werde sterben.

Dieter Dorn legte bei der Uraufführung den Schwerpunkt auf das Musikalische, auf Akzentuierung und Differenzierung der Erzählerstimmen. Bei Jürgen Gosch drängen sich die Schauspieler dagegen zu einer Art Klumpen der Todesangst zusammen, retten sich hin und wieder – wie um zu Atem zu kommen – in den Klamauk, bis sie sich wieder furchtsam aneinander klammern und ins Unsagbare schauen.

Wie schon in „Die Möwe“ hat Johannes Schütz nur eine Wand mit Sitzbank auf die Bühne gestellt. Nun ist sie weiß und schmerzhaft nah ans Publikum gerückt. Die ersten zehn Minuten windet und verknotet sich das Ensemble, das Toben des Sturms nachempfindend, und schreit die Geschichte kaum verständlich in den imaginären Wind. Dann wird es zwar ruhiger, doch das Ensemble findet – anders als in der großartigen „Möwe“, die in wenigen Tagen im Rahmen des Theatertreffens zu sehen ist – über weite Strecken nicht den passenden Ton für die Geschichte. Statt das Spiel sozusagen mit heiligem Ernst zu geben, schwankt es zwischen Ergriffenheit und übertriebener Albernheit. Einmal, als von der Rückkehr alter Männer die Rede ist, klatscht Christian Grashof sogar jedem eine Hand Mehl aufs Haupt.

Der Abend ist bewegend, mehr aus menschlichen denn aus künstlerischen Gründen. Jürgen Gosch, das ist bekannt, ist schwer krank, und die Trauer darüber ist jedem seiner Schauspieler anzumerken. Während eines öffentlichen Gesprächs beschrieb Ulrich Matthes (der in „Idomeneus“ nicht mitspielt) vor kurzem die Liebe, mit der Jürgen Gosch Schauspieler betrachte. Heute sieht man, wie sehr die Schauspieler ihren Regisseur lieben, nicht erst, als am Ende ein aufgelöster Alexander Khuon sagt: „Ich bin Idomeneus, und ich hänge am Leben, ich hänge am Leben“, und keiner auf der Bühne seine Tränen zurückhalten kann.

Das Publikum erhebt sich, als Jürgen Gosch im Rollstuhl ins Parkett gefahren wird. „Danke“, sagt er, als er später im ersten Stock mit dem Theaterpreis des deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts geehrt wird. „Danke für die Erlaubnis zu tun, was wir tun.“

Wieder am 12, 16. und 28.5., 19.30 Uhr

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