Deutsches Theater : Soll dich doch der Bohlen holen

„Frühlings Erwachen“, gespielt von Jugendlichen in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

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Der Abend ist etwa eine Stunde alt, als ein Teenager fürchterliche Rache an Heidi Klum nimmt: Mit einem Messer fällt sie über die von Joshua Grothe langbeinig auf die Bühne gehüpfte Blondine her, bis Kunstblut aus deren Grinsegesicht fließt. Eine gerechtere Strafe als eine imperfekte Optik kann es für die Model-Mutti nimmer geben! Da hat sie sicher Recht.

Man muss diese Sequenz, die sich als kriminalistisch unverdächtige Tiefschlaf- Fantasie herausstellt, als Schlüsselszene betrachten. Am Casting hängt, zum Casting drängt doch alles: So in etwa könnte man – frei nach „Faust“ – den Zugriff des jungen Regisseurs Marc Prätsch auf Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ beschreiben. Genauso frei verfährt der nämlich seinerseits mit dieser „Kindertragödie“, die er mit Laiendarstellern zwischen 15 und 25 Jahren unter dem Label des Theaterjugendklubs „Junges DT“ jetzt in den Kammerspielen herausgebracht hat.

Tatsächlich ist es ja heute schwer vorstellbar, dass „Frühlings Erwachen“ 15 Jahre lang als pornografisch und unaufführbar galt, bevor sich Max Reinhardt 1906 in eben jenen DT-Kammerspielen an den Stoff wagte. Bei Wedekind stoßen die Kids mit ihren sexuellen und intellektuellen Erweckungserlebnissen an die Grenzen rigider Erziehungsmodelle: Wendla wird von ihrer Mutter mit dem Märchen vom Klapperstorch abgespeist – und mit vierzehn schwanger. Ihr Sexpartner Melchior endet in der „Korrektionsanstalt“. Und dessen Kumpel Moritz wiederum bringt sich um, weil er nicht versetzt wird.

Bei Prätsch herrscht statt Bigotterie nun eine absolut zeitgeistige „Wohlstandverwahrlosung“. Die Väter sind inexistent und die Mütter als Ewig-Girlies nur dazu da, mit ihren Töchtern Miniröcke zu tauschen oder die Kumpels ihrer minderjährigen Söhne anzuflirten. An die Stelle dieses pädagogischen Vakuums, so Prätschs These, treten dann eben Heidi, Seal oder Dieter. Es kann aber auch noch schlimmer kommen: Der „vermummte Herr“, eine mephistophelische Figur, die Melchior anbietet, ihn durchs Leben zu führen, sieht aus wie Karl Lagerfeld.

Die Grundaussage des Abends, dass Jugendliche in dieser künstlich übersexualisierten Fashion-Welt mit dem Erwachen der echten Sexualität Schwierigkeiten haben wie eh und je, ist genauso wenig neu wie die Kindlichkeitsinsignien, die der Regisseur dieser Welt gegenüberstellt: Wendla (Aurelia Diedrich) hüpft ihrer Entjungferung auf Hello-Kitty-Söckchen entgegen, und Melchior (Sandro Fioravanti) balgt sich mit Moritz (Elisabeth Brückner) auf einer mit Teddybärenbettwäsche bezogenen Pritsche.

Das interessanteste Potenzial des Abends allerdings liegt woanders: Ironischerweise mussten die Jugendlichen sich auch für Prätschs Casting-kritische Inszenierung casten lassen. Die 18 talentierten Mitwirkenden, die er aus 300 Bewerbern ausgewählt hat, verkörpern nun eine Art Gegenmodell zu Heidis Model- WG oder Dieters Pop-Nachtigallen: Da ist ein Pickel oder eine nicht restlos optimierte Zahnstellung eher charmant als eine Katastrophe. Da darf Wendla sich in einen Jungen verlieben, der einen Tick kleiner ist als sie, und Moritz von einem Mädchen gespielt werden.

Wenn es stimmt, dass Heidi und Co. mit ihrem Normierungszwang Jugendliche bis in die REM-Phase hinein verfolgen, ist das wahrscheinlich nicht wenig. Und dass es wesentlich mehr Spaß macht, Jugendlichen beim lustvollen Theaterspielen zuzusehen als beim uniformen Stöckeln über Fernsehlaufstege, steht sowieso außer Frage.

Wieder am 12. und 26. Februar.

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