Deutsches Theater : Woyzeck: Rennen im rasenden Stillstand

Deutsches Theater Berlin: Jorinde Dröse inszeniert „Woyzeck“ mit Liedern von Tom Waits.

Andreas Schäfer

Ein klassisches Gesellschaftskammerspiel (Lukas Bärfuss’ „Öl“) gegen zwei opulente, bühnenbildsatte Kriegenburg-Inszenierungen („Herz der Finsternis“, „Prinz von Homburg“) – und nun kommt, als vierte Eröffnungspremiere des Deutschen Theaters innerhalb von zwei Wochen, noch Büchners „Woyzeck“ in den Kammerspielen hinzu. Nicht als klassisches Drama, sondern mit Musikuntermalung durch zwölf dem fragmentarisch gebliebenen Text hinzugefügte Balladen von Tom Waits, in einer Fassung Robert Wilsons. Büchner quasi als Musical? Ist diese Anfangsgewichtung programmatisch für das neue DT? Der Theatergeistanzeiger senkt sich Richtung Bildshow und Konzept, hin zu Schminke und Gefälligkeit. Doch bevor er den Bereich Budenzauberei erreicht, beweist die Regisseurin Jorinde Dröse mit leichter Hand, dass man ein Stück sehr wohl in ein dominantes Klangpolster betten kann, ohne damit seine existenzielle Dimension, seine Härte zu ersticken.

Dröses unterhaltsamer und berührender „Woyzeck“ ist alles – nur kein Musical, keine Rock-Oper, als die Wilson seine Version vor knapp einem Jahrzehnt in Kopenhagen gezeigt hat, die später auch als Gastspiel am Berliner Ensemble zu sehen war. Allein mit dem geschickten Bühnenbild wendet sich Dröse gegen Wilsons Ästhetik der Bildüberwältung. Es dominiert die Nacktheit, der Eindruck der Leere. Alle Verschalung, alle Verblendung wurde weggerissen – der Blick fällt auf die seitlichen Seilzüge der Theatertechnik und hinten bis zur Brandmauer. In diese Kargheit hat Susanne Schuboth das längliche Halbrund einer hölzernen Arena gesenkt – halb Amphitheater der Albträume, halb Rennstrecke rasenden Stillstands. Die Figuren treten in überzeichneten Jahrmarktkostümen auf, spielen ein bisschen, starren in den Zuschauerraum, tanzen oder singen tieftraurige Lieder von roten Lieblingskleidern oder dem Orkan der Liebe. Und zwischendurch regnet es Konfetti von der Decke. Diese Effekte sind nicht äußerlich zusammenkomponiert, sondern wirken wie die Ausgeburten eines entflammten Geistes. Die wunderbaren Verlorenheitslieder von Waits – von einer großartigen siebenköpfigen Band im Bühnenhintergrund gespielt –, in denen vom Barjazz über Gipsyklänge bis zum Brecht/Weill-Sound alles Platz hat, sie illustrieren nicht, sondern steigen wie aus dem Inneren der Figuren, aus ihrer verzweifelten Ohnmacht auf.

Der Mensch? Ein Nichts. Nichts als eine Kreatur. Was uns erst einmal Markus Graf als äffisch behaarter Ausrufer beweist, in dem er einen Affen Männchen machen und ein Spielpferd weibisch mit den Augenlidern klimpern lässt. Dann öffnet sich der zerschossene Samtvorhang, und man sieht: Maren Eggert als Marie, die mit breiten Beinen bäuerisch auf dem Rand des Arena sitzt wie weiland Oskars Großmutters auf dem Kartoffelacker in Grassens Blechtrommel. Eine Art Urmädchen mit hängenden Schultern, apathischem Gesichtsausdruck und puppenhaft gebauschtem Rock. Dass diese unscheinbare, reptilienhafte Behäbigkeit täuscht, merkt man, sobald Maren Eggert unbedingt flammende Ich-will-Blicke auf den Tambourmajor wirft, den Christoph Franken als wuchtigen, über die Bretter walzenden Machoverführer mehr hinschmeißt als spielt, im Retro-Humana-Anzug und lässig gemusterten Hemd. Gegen dessen grell zur Schau gestellte Virilität ist Moritz Groves sensibler Woyzeck naturgemäß machtlos. Grove gibt den Franz Woyzeck, der seinem Hauptmann (als lakonischer Clown der Hypochondrie: Matthias Neukirch) den Bart schert und sich ein Zubrot als Erbsen essendes Untersuchungsobjekt verdient, mit zittriger Dünnhäutigkeit. Wenn er, die Schultern zwischen die Ohren gezogen, von den Dingen hinter den Dingen spricht oder, um das kreatürliche Wüten in seinem Körper zu besänftigen, immer wieder wie ein Hamster durch die Arena rennt, meint man förmlich das Pulsieren des rätselhaften Lebensmagmas, das Vulkanfeuer unter der knusperdünnen Erdoberfläche zu spüren. Auch Helmut Mooshammer gibt als ätzend sadistischer Doktor in Frack und schwarzen Leggings eine beängstigende Figur ab.

Und singen können sie alle. Nur sind manchmal die Abstände zwischen den Liedern allzu kurz, als dass sich das Düstere in den Spielszenen ausreichend entfalten könnte. Auch die Eifersucht Woyzecks auf den Tambourmajor, die zum Mord Maries führt – zärtlich küssend, während die Rechte das Messer am Hals ansetzt –, wird nicht recht deutlich. Aber die Stärke dieses Abends liegt ohnehin nicht auf der Handlungsebene, sondern darin, den Wahrnehmungsschmerz einer gläsernen Welt vergegenwärtigt zu haben. Logisch, Tom Waits: Ein bisschen süß ist dieser Schmerz schon auch.

Das Publikum lässt keine Ruhe – bis ein sichtlich verlegener Markus Graf als Zugabe noch einmal das Affenlied gibt.

Wieder am 8., 10., 11. und 15.10.

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