Deutsches Theater : Zeit für Gegenwart

Das Neue und das Bewährte: Ulrich Khuon stellt seine Pläne für das Deutsche Theater Berlin vor.

Rüdiger Schaper
Khuon
Ulrich Khuon -Foto: dpa

Dass Ulrich Khuon rechnen kann, ist wohl bekannt – und keine schlechte Eigenschaft für einen Intendanten in Berlin. Khuons Geheimzahl lautet „47, 23, 16, 8“. Dahinter verbirgt sich die Zusammensetzung des neuen Ensembles des Deutschen Theaters, das der designierte DT-Chef gestern vorstellte. 47 Mitglieder wird die Truppe haben, davon sind 23, also fast die Hälfte, vom alten Stamm. Corinna Harfouch, Nina Hoss, Samuel Finzi, Ulrich Matthes, Ingo Hülsmann und Sven Lehmann bleiben, ebenso Margit Bendokat, Christine Schorn, Horst Lebinsky, Christian Grashof, Jörg Gudzuhn, die hier zum Urgestein gehören. 16 Schauspieler bringt Khuon vom Thalia Theater aus Hamburg mit, darunter Maren Eggert, Natali Seelig, Peter Moltzen und Jörg Pose. Weitere acht Schauspieler kommen von anderen Häusern nach Berlin.

Ein wohlfeiles Motto gibt es nicht, wenn am 17. September eine neue Spielzeit, eine neue Intendanz beginnt. Aber es ist schon deutlich, dass das Deutsche Theater politischer auftreten wird, mit zeitgenössischen Autoren. Ein programmatischer Auftakt: Andreas Kriegenburg eröffnet in den Kammerspielen mit einer Dramatisierung der berühmten Afrika-Erzählung „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad, die der neue DT-Dramaturg John von Düffel besorgt. Am 18. September folgt im großen Haus eine weitere Uraufführung mit Lukas Bärfuss’ „Öl“. Auch dieses Auftragsstück spielt in Afrika, es inszeniert Stephan Kimmig.

Kriegenburg und Kimmig werden feste Regisseure, und vor allem Kriegenburg, der Berlin-Heimkehrer, schlägt in der ersten Saison mächtig zu. Schon am 25. September hat er wieder mit Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ Premiere, Ende Oktober folgt ein Projekt mit Ernst-Busch-Schauspielschülern. Im Januar 2010 dann eine weitere Uraufführung, Kriegenburg inszeniert Dea Lohers „Diebe“. Kimmig wiederum macht Schillers „Kabale und Liebe“, und beide Regisseure sind künftig auch mit Übernahmen vom Thalia Theater am DT vertreten; „Das letzte Feuer“ (Kriegenburg/Loher) sowie „Maria Stuart“, noch ein Schiller von Kimmig. Aus Khuons Hamburger Autorentheatertagen werden im April 2010 die ersten Berliner Autorentheatertage.

Nicolas Stemann wird wieder in Berlin arbeiten. Er hat für Dezember eine Bearbeitung der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ von Brecht angekündigt. Khuon setzt auch weiterhin auf die am Deutschen Theater so erfolgreichen Regisseure Dimiter Gotscheff („Macbeth“) und Jürgen Gosch, der im Mai 2010 Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ inszenieren soll. Auch Michael Thalheimer bleibt. Er nimmt sich 2010 mit Friedrich Hebbels „Nibelungen“ erneut einen deutschen Klassiker vor.

Es werden aber auch etliche junge, hier noch nicht bekannte Regisseure den Spielplan prägen. Jorinde Dröse inszeniert den „Woyzeck“ von Tom Waits, Kathleen Brennan und Robert Wilson, David Bösch „Das goldene Vließ“ von Grillparzer, Jette Steckel „Othello“, Rafael Sanchez „Noch ist Polen nicht verloren“ (nach Lubitschs Filmklassiker „Sein oder Nichtsein“) und Sascha Hawemann Dennis Kellys „Taking Care of Baby“, eine deutsche Erstaufführung.

Ein transparentes, offenes Haus schwebt Khuon vor. Das Rangfoyer will er in einen Ort der Begegnung, der Diskussion verwandeln, die Arbeit in Box und Bar wird ausgeweitet. Hier beginnt das Programm Mitte Oktober mit einer szenischen Recherche von Monika Gintersdorfer. Die Schauspielerin Maren Eggert und der Tänzer Franck Edmond Yao von der Elfenbeinküste beschäftigen sich mit Shakespeares Hamlet. Afrika, das Fremde: Es scheint da doch eine Spielplanlinie auf. „Große Stoffe im kleinen Format“ sollen in die Box, zum Beispiel Dietmar Daths Zukunftshorrorroman „Die Abschaffung der Arten“ und Thomas Freyers „Amoklauf mein Kinderspiel“, was auch schon in Hamburg lief. Das „Junge DT“ stellt sich im Oktober mit einem „Herbstcamp“ vor und im Februar 2010 mit „Frühlings Erwachen“.

Ein gutes Dutzend älterer DT-Produktionen wird übernommen. Klaus Steppat bleibt Geschäftsführender Direktor, Michael de Vivie Künstlerischer Betriebsdirektor. Khuon bringt viel Neues, vertraut aber auch auf Kontinuität. So still und beschaulich, wie Khuon sich hier erst mal präsentiert hat, wird es nicht bleiben. Im neuen DT-Spielplan steckt ein größerer Risikomut und mehr Sprengmaterial, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

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