Dieter Hallervorden : Die Bühnenreifeprüfung

Früher war es berühmt, dann geschlossen, dann kurz wieder offen, dann wieder zu. Am Dienstag öffnet es nun wieder: Das Schlosspark-Theater im Berliner Stadtteil Steglitz – und Dieter Hallervorden ist hier Chef. Mit eigenem Geld, vollem Risiko und der Gewissheit, etwas losgeworden zu sein

Ariane Bemmer
Hallervorden
Dieter Hallervorden -Foto: ddp

Vorhang auf, ein Zimmer mit Fenster. Draußen: Laub fällt von den Bäumen. Drinnen: ein Kreißsaal. Eine Frau sitzt aufrecht in ihrem Wochenbett. Kreidebleich. Es ist der Spätsommer vor 74 Jahren, und sie hat gerade in Dessau einen Komiker zur Welt geweht (Wortwitz, vgl. Wehen).

Frau (schaut entsetzt auf Kind in ihrem Arm, stammelt): „Mit dem Gesicht kann man sich nur verstecken. Mit dem Gesicht schafft man es nicht.“

Ende erster Akt.

Der mit dem Gesicht, das eigentlich ein ganz normales ist, sich aber vor Jahren besonders gut zum Zerknautschen eignete, was eine einträgliche Karriere als Fratzenzieher zur Folge hatte, ist Dieter Hallervorden, auch bekannt als Didi, der Idi, der Mann von „Nonstop Nonsens“, „Spottschau“ und „Spott-Light“, der noch aus seinem Zurweltkommen einen Witz machte. Er ist 74 Jahre später zum wiederholten Mal angetreten, seiner Mutter das Gegenteil zu beweisen.

Zweiter Akt: wieder Spätsommer, der vorletzte Sonntag im August 2009. Nicht im Bild: Eine riesige Kreuzung, eine Bundesstraße trifft auf das Ende einer Stadtautobahn. An einer Ecke: ein Gebäude mit Säulen vor der Tür, griechische Anmutung. Das Berliner Schlosspark-Theater. Früher war es berühmt, dann geschlossen, dann kurz wieder offen, dann wieder zu, jetzt öffnet es bald wieder. Und Dieter Hallervorden ist hier Chef.

Gerade hat er sein Auto, ein großes Auto, auf dem Gelände des Theaters geparkt, da lehnt sich ein Passant über die schmiedeeiserne Pforte.

Passant (ein älterer Herr mit weißem kurzen Bart und Hut, rufend): Herr Hallervorden!

Hallervorden (ebenfalls ein älterer Herr mit weißem kurzen Bart, ohne Hut): Ja? Guten Tag.

(Geht auf den Passanten zu, steigt dabei über Müllsäcke und Steine, die noch verklopft werden müssen, streift Flatterbänder, auf denen steht: Achtung Kabel)

Passant: Geht’s bald los?

Hallervorden: Ja, nächste Woche.

Passant: Das wird doch nie fertig!

Hallervorden: Doch doch.

(Passant guckt skeptisch)

Hallervorden: Der Kartenverkauf läuft auch, das Telefon ist schon geschaltet.

Passant: Na dann toi toi toi.

(geht weiter, sieht erfreut aus)

Hallervorden: Das ist das Schöne, dass die Menschen hier mir Mut machen.

Ende zweiter Akt.

Hallervorden verschwindet durch einen Seiteneingang im Theater. Später an diesem vergangenen Sonntagmittag wird er in Jeans und dunklen Socken in Sandalen durch den Seiteneingang auf die Bühne treten, auf der Ilja Richter schon sitzt, vorn am Rand, noch ein grauhaariger Herr, der von seinem Skript aufschaut und fragt, ob sie mit oder ohne Garderobe proben wollen. Eine junge Frau kommt von der anderen Seite auf die Bühne, die Regieassistentin, direkt aus dem hellen Tag tritt sie durch den Hintereingang ins Bühnendunkel, Hallervorden drückt sie an sich. Wie gut sie aussehe.

Sie proben. „Die Socken Opus 124.“ Das Eröffnungsstück.

Am 1. September soll das Schlosspark-Theater im gutbürgerlichen Stadtteil Steglitz mit einer Gala eröffnen, und ab dem Tag danach will Hallervorden auf dessen Bühne gediegene Unterhaltung bringen, als privater Theatermann: eigenes Geld, volles Risiko.

Er liebe Herausforderungen, sagt er, und sie zu meistern noch viel mehr. Doch nun, kurz bevor es ernst wird, kann er nur noch hoffen, dass sie kommen werden, die Leute.

Hallervorden war selbst oft Zuschauer in diesem Theater, damals, als er noch studierte. Fast alles von Barlog habe er gesehen, Boleslaw Barlog, der das kleine Theater mit seinen 440 Plätzen nach dem Krieg übernahm und ihm Bedeutung verschaffte. Barlog schrieb mal: „Unser Theaterchen verleugnete niemals seine Aufgabe, die Menschen zu unterhalten, bemühte sich aber durchaus um literarischen Tiefgang.“ So kam hier 1953 Samuel Becketts „Warten auf Godot“ erstmals auf eine deutsche Bühne.

Estragon: Komm, wir gehen!

Wladimir: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wladimir: Wir warten auf Godot.

Estragon: Ach ja.

Hallervorden – „ich sag’ immer, ein Gramm Handeln wiegt schwerer als eine Tonne Gequatsche“ – hätte Estragon und Wladimir wohl in den Hintern getreten, aber auf Barlog beruft er sich gern. Auch er will das Publikum unterhalten.

Er hat in das Theater eine siebenstellige Summe investiert, direkte Subventionen wird er nicht bekommen, was er eigentlich nicht einzusehen findet, aber fünf Jahre mietfrei wird er bleiben. Er hat renoviert und saniert, 30 Kilometer Kabel verlegt, Drehbühne, modernste Ton- und Lichttechnik eingebaut, eine kleine Terrasse für die Pausen wird noch hergerichtet, Maskenräume mit Spezialbeleuchtung sind fertig. „Schon ein Riesenaufwand“, sagt Hallervorden. Jetzt müssten, wie gesagt, nur die Leute noch kommen. Es geht ihm bei der Vorstellung, sie könnten das nicht tun, nicht ums Geld. Es geht um die möglicherweise ausbleibende Bestätigung.

Er sagt: „Ich vergleich’ das mal mit einer Hausfrau. Wenn die einen Kuchen backt und alle greifen zu, macht das auch mehr Spaß, als wenn alle nach dem ersten Stück sagen, danke, ich bin satt.“

Man könnte denken, Hallervorden sei aus dem Alter raus, in dem diese Art lobende Anerkennung nötig ist. Man könnte denken, er habe in seinem Leben genug Erfolg gehabt.

Er hat in Berlin mit den „Wühlmäusen“ ein Kabarett gegründet, das im kommenden Jahr 50 Jahre alt wird, das fast immer gut besucht ist. Er hat mit „Nonstop Nonsens“ den Klamauk ins deutsche Fernsehen gebracht, in einer Zeit, da es nur zwei öffentlich-rechtliche Sender gab, und er hat sich im Rundfunk mit „Du die Wanne ist voll“ gegen Blondie oder die Sugarhill Gang behauptet.

Aber es ist da trotzdem der Wunsch, zu zeigen, was außerdem noch geht.

Und so ist der Vergleich mit der Hausfrau vielleicht falsch. Es geht nicht um Kuchen. Diesmal hat die Hausfrau nicht gebacken, sie hat ein Menü gekocht.

Vor der Probe noch. Dieter Hallervorden sitzt in einem der Schauspielerräume und stellt fest, dass eigentlich alle Entscheidungen, die er in seinem Leben gefällt hat, die richtigen waren.

Er hat die DDR gerade rechtzeitig verlassen, bevor man ihn, den 22-jährigen Romanistik-Studenten aus Dessau, der bei Konferenzen zu übersetzen hatte, wegen allzu eigenwilliger Übersetzungen in Haft nehmen konnte.

Er hat das Romanistik-Studium dann aber auch in West-Berlin nicht zu Ende gebracht, sondern ist, durch einen Anschlag am Schwarzen Brett angeregt, ins Schauspielfach gewechselt.

Er hat sich von der verpatzten Aufnahmeprüfung an der Max-Reinhardt- Schule für Schauspiel nicht abschrecken lassen und einen Platz an einer privaten Schule bekommen.

Er hat sich vom verpatzten Vorsprechen beim Kabarett „Die Stachelschweine“ nicht abschrecken lassen, sondern ein eigenes gegründet.

Er hat sich durch Fernsehredakteure („Es ist wirklich grauenhaft, mit Fernsehredakteuren zusammenzuarbeiten“) nicht abschrecken lassen, sondern ist ins Fernsehen gegangen.

Er hat Didi erfunden, einen Supertollpatsch, der es immer gut meint und trotzdem nie schafft. Didi war zum einen Hallervordens Soloprogrammheld, aber vor allem die Hauptfigur der ARD-Sendung „Nonstop Nonsens“, die 1974 bis 1980 21-mal die Straßen leerfegte, mehrfach wiederholt wurde und bis 1990 Bühnenrolle blieb. Didi machte Hallervorden berühmt, dem das eine Weile gefiel, den das zwischendurch auch mal beschämte, als er damit viel Geld verdiente, dem das irgendwann aber auch zu bunt wurde. Sollte er sich auf Didi reduzieren lassen? Das wollte er nicht, und so müht er sich seit Jahren, Didi wieder loszuwerden.

2009 in der Garderobe seines Theaters fängt er dann aber selber von ihm an. Dass nämlich so viele Schauspieler, große Namen darunter, die er angeschrieben hat – „Ich eröffne das Schlosspark-Theater neu und hätte da ein Stück, in dem ich Sie mir gut vorstellen könnte“ – nicht nur geantwortet, sondern auch zugesagt haben, das würde doch zeigen, dass die mit ihm nicht den Blödmann verbinden, dass sie ihn ernst nehmen. Sehr warme Reaktionen habe er erhalten, sagt Hallervorden, das habe ihn zutiefst gerührt, es rührt ihn immer noch, als er davon spricht, werden seine Augen feucht.

Es ist eine Form von Bescheidenheit, die sich in dieser Freude ausdrückt. Auch darin, dass er dem Handwerker nicht im Weg stehen will. Und dann gibt es auch noch einen anderen Hallervorden, der wie nebenbei andere abkanzelt. Er lobe sich ja nicht selbst, wie andere das häufig tun, sagt er etwa. Und er beschreibt in seiner Autobiografie, wie er besser als die Männer vom Filmverleih gewusst habe, wie man seinen Film bewirbt, und wie er einmal Rudi Carrell in die Schranken gewiesen hat. Als der bei einem Treffen mit Showleuten sagte: „Unser Beruf ist der schwerste der Welt“, konterte Hallervorden mit: „Haben Sie schon mal unter Tage im Bergbau gearbeitet?“

Da geht dann etwas mit ihm durch. So wie es schon mal mit ihm durchgeht und er laut wird, wenn Versprochenes ausbleibt. Hallervorden hat über sich gesagt, er habe wenig Selbstbewusstsein. So sind wohl die anderen wichtig geblieben.

Die Künstler-Liste für sein Programm aus Sprechtheater und Lesungen liest sich jedenfalls wie eine All-Stars-Auswahl der deutschsprachigen Bühne: Michael Degen, Hannelore Hoger, Günter Lamprecht, der „Berlin Alexanderplatz“ lesen wird, Volker Lechtenbrinck, Axel Hacke, Ulla Meinecke, Johanna von Koczian, Claude-Oliver Rudolph, Eckart von Hirschhausen, Joseph Hader, dazu Brigitte Grothum, die in „Es wird Zeit“ spielen wird, einem Stück über ein boshaftes altes Ehepaar. Deren Name bereits auf einem karierten Blatt Papier an der Tür einer der Garderoben steht, darin vor dem Spiegel ein Teller mit einem Apfel und drei Keksen. Alfred Biolek wird zusammen mit Klaus Wowereit den Galaabend moderieren und Katharina Thalbach das Eröffnungsstück inszenieren, zu dessen Premiere sich sogar der Bundespräsident angekündigt hat.

Hallervorden hat mit Verlagsanstalten über Stücke verhandelt, da wusste er noch gar nicht, ob das mit dem Schlosspark-Theater überhaupt etwas wird. Lauter Unwägbarkeiten, aber er ist ein Planer. Um ein gutes Theaterstück zu finden, müsse man 100 lesen, sagt er, das sei eine Heidenarbeit.

Das Eröffnungsstück fand er in Frankreich, wo er zwischendurch immer wieder mit seiner zweiten Frau und dem elfjährigen Sohn lebt, als er im Autoradio eine begeisterte Kritik hörte von „Les Chaussettes Opus 124“, den Socken.

Handlung: Zwei ehemals berühmte Schauspieler proben für einen Rezitationsabend, der für sie die Chance sein könnte, noch mal Beachtung zu finden. Der eine spielt Theater aus dem Gefühl heraus, der andere ist der intellektuelle Typ: Er hat die Regie übernommen und das Programm zusammengestellt, das dem anderen nicht gefällt.

Das Fazit des Verbandes Deutscher Bühnen- und Medienverlage lautet: Ein Duell zweier Einzelgänger, in dem virtuos mit Komik und Ernst jongliert werde. Das ist natürlich etwas anderes als „Palim, palim, ich hätte gern eine Flasche Pommes frites.“

Von Dieter Hallervorden gibt es Bücher, die heißen „Witzige Sketche zum Nachspielen“. Nicht alle sind witzig. Einer könnte so gehen:

Ein schäbiger Saal, eingestaubt, versifft, zwei Männer, einer im Anzug, mit gebügeltem Hemd, erkennbar einer, der was zu sagen hat. Der andere trägt ebenfalls Anzug, etwas zerknautscht.

Der Gebügelte: Ein herrlicher Saal.

Der Zerknautschte: Oje oje.

Der Gebügelte (pathetisch): Berliner Geschichte.

Der Zerknautschte: Sanieren müsste man nicht zu knapp.

Der Gebügelte: Berlin!

Der Zerknautschte (direkt an den Gebügelten gerichtet): Und so weit weg vom Zentrum.

Der Gebügelte (plötzlich genervt): Sie wollen ihn nicht?

Der Zerknautschte (leise zum Publikum): Trotz alledem: Da ist Atmosphäre, weil die Architektur aus einem Guss ist. (und zum Gebügelten, plötzlich entschlossen): Hier soll mein Geld begraben sein.

Zwei Mal hat Dieter Hallervorden den Schlussgag wortgleich gebracht. Zum ersten Mal vor gut acht Jahren. Da gab den Gebügelten der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen. Der Saal, um den es ging, befand sich am Theodor- Heuss-Platz, weit im Westen Charlottenburgs, und die „Wühlmäuse“ sollten dorthin umziehen. Bei der Wiederholung, die gerade läuft, gab Klaus Wowereit den Gebügelten.

Hallervorden hat beide Entscheidungen mit seinem Steuerberater besprochen, der hat ihm beide Male anfangs abgeraten und musste ihm am Ende Geld leihen, damit zu Ende gebaut werden konnte. Es scheint, als würde Hallervorden kurz stutzen, als er das erzählt, als gerieten ihm vielleicht die Erinnerungen durcheinander. Aber was soll’s? Ist auf jeden Fall lustig so.

Das Theater jetzt, das sei noch mal „ein völlig neuer Lebensabschnitt, nicht wahr?“, sagt er.

Er hat ein Programm für ein Jahr zusammen, zwei deutsche Uraufführungen, zwei Welturaufführungen, etwas für jeden Geschmack, manches mit – Zitat Internetseite – seiner „Wenigkeit“ auf der Bühne. Er habe sich „einen gewissen Körperteil aufgerissen“, mehr kann er nicht tun, jetzt also sei es an den Zuschauern. Die Karten seien etwas günstiger als in vergleichbaren Theatern, dem subventionierten Renaissance-Theater etwa, das laut Senatskulturverwaltung von 2007 bis 2011 zwei Millionen Euro für Konzeptförderung erhält. Und bekommt nicht das Deutsche Theater 18,3 Millionen Euro im Jahr 2009, die Volksbühne knapp 14 Millionen?

Subventionen verzerren den Wettbewerb, sagt Hallervorden.

Adressen aber auch. Der Dramatiker Carl Zuckmayer hat über das Steglitzer Schlosspark-Theater der 20er Jahre mal gesagt, das Auffallendste daran sei gewesen, dass man nicht hinging. „Nicht etwa, weil das Theater als schlecht galt. Aber Steglitz schien so wenig in Berlin zu liegen wie Stettin oder Karlsruhe.“ Eine Aussage, die Hallervorden sofort ins Gegenteil verkehrt: Eben weil Steglitz seine eigene kleine Stadt sei, müsste es doch Platz für ein eigenes Stadttheater haben. Und für einen wie ihn, der die Provinz schätzt, sie „die sogenannte“ nennt, der ein Auto fährt mit Kennzeichen B – DH.

Hallervorden hat auf die Frage, welche Rolle er gern mal spielen würde, den „Theatermacher“ von Thomas Bernhard genannt, „weil das Stück geschrieben ist, als ob mich der Autor gekannt hätte.“

Der Theatermacher, Bruscon, ein überheblicher, egozentrischer Mann, der mit seiner Frau und seinen Kindern, alle talentlos, über die Dörfer tourt und nun in einem Gasthof in Utzbach sein selbst geschriebenes Stück aufführen will.

Bruscon (über sich zum Wirt):

„Ein gewisses Talent für das Theater

schon als Kind

geborener Theatermensch wissen Sie

Theatermacher

Fallensteller schon sehr früh.“

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