El Mágico : Placido Domingo begeistert in der Philharmonie

So unerklärlich es ist, wie sich Placido Domingo über all die Karrierejahre seine unverwechselbare, unwiderstehliche Mischung aus südlich-sonnigem Timbre und maskuliner Kernigkeit bewahren konnte, so beglückend ist es, diese Tenorstimme noch einmal erleben zu dürfen.

Frederik Hanssen

Es ist nur ein Tropfen auf den maroden Stein, doch hier zählt die gut gemeinte Geste. Einmal im Jahr veranstalten die Künstler der Berliner Staatsoper ein Benefizkonzert, dessen Einnahmen dem 250-Millionen-Euro-Projekt der Renovierung der Lindenoper zugute kommen. Diesmal hat Daniel Barenboim Placido Domingo zur Teilnahme überredet. Während der spanische Sänger Unter den Linden derzeit die Bariton-Rolle des Simon Boccanegra ausprobiert, ist er am Mittwoch in der Philharmonie noch einmal in einer seiner Tenor-Paraderollen zu erleben: als Siegmund im ersten Akt der Wagner’schen „Walküre“.

Nachdem Barenboim und die Staatskapelle formvollendet das „Tristan“-Vorspiel samt Liebestod zelebriert haben, rauschen die ersten, spannungsgeladenen „Walküre“-Takte auf – und Domingo erscheint von links. Vor vier Jahren, als er den Siegmund mit Rattle und den Philharmonikern gab, stürzte er von rechts herein, taumelte auf den bereitstehenden Stuhl, ja agierte ganz so, als müsse er den von seinen Feinden gehetzten Helden auf einer Opernbühne darstellen. Mittlerweile verzichtet er ganz auf optische Spielereien – vokal aber vermag er sein Publikum immer noch in den Bann zu ziehen: Er hat alle Tricks drauf, weiß genau, wie er sich die verbliebenen Kräfte einteilen muss, um die „Wälse“-Rufe gleißend in den Raum stellen und sich schließlich mit voller Leidenschaft ins finale Liebesduett stürzen zu können.

So unerklärlich es ist, wie sich Placido Domingo über all die Karrierejahre seine unverwechselbare, unwiderstehliche Mischung aus südlich-sonnigem Timbre und maskuliner Kernigkeit bewahren konnte, so beglückend ist es, diese Tenorstimme noch einmal erleben zu dürfen. Da mögen Michaela Schuster als Sieglinde und Kwangchul Youn als Hunding noch so rhetorisch-raffiniert ihre Partien gestalten, sie werden unverdient zu Randfiguren. Frederik Hanssen

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