Erstbesteigung, Folge 2 : Der Wagner-Novize überlebt Rheingold

Neu in Bayreuth: Helmut Schümann wagt sich für Tagesspiegel.de an seine ganz persönliche Erstbesteigung des Grünen Hügels - Folge 2: Rheingold mit Kneipps Hilfe.

Helmut Schümann[Bayreuth]
Helmut Schümann Foto: Kai-Uwe Heinrich
Helmut SchümannFoto: Kai-Uwe Heinrich

Gestern nach Ankunft, kurzer Spaziergang durch Bayreuth. Wäre natürlich besser gewesen, einen Tag vorher anzureisen, wie ein Leser richtig bemerkt, dann hätte ich sicher auch Wagner nicht schuldig gesprochen für die Mühen der Anreise, aber die Zeit, die Zeit. Habe gelernt, dass es hier nicht eine Bratwurst im Brötchen gibt, sondern zwei. Sehr lecker. Wird, wenn ich den Festivalkundigen glauben darf, die Hauptnahrung der nächsten Tage, ist nämlich auch das wesentliche Nahrungsangebot oben auf dem Hügel während der Pausen. Die Pausen, so weiß ich schon, dauern eine Stunde. Das ist nötig. Weil Wagner auch mal bis zu sechs Stunden musizieren lässt. In den Pausen, wurde mir vor Abreise siebenmal als Geheimtipp gesagt, solle ich links am Festspielhaus vorbei den Hügel weiter aufwärts gehen, dann käme auf der linken Seite ein Kneipp-Wassertretbecken.

Für das gestrige „Rheingold“, zweieinhalb Stunden, in Bayreuth hatte es gestern an die 30 Grad, der Festsaal ist kaum klimatisiert und fasst fast 2000 Menschen, die sind zu einem großen Teil stark geschminkt und parfümiert, die schwitzen, man kann sich auch ohne Bösartigkeit vorriechen, wohin das führt, auch bei mir, ich, wiewohl unparfümiert, schwitze auch schnell und dann stinke ich – also, was ich sagen will, für das gestrige „Rheingold“ ist keine Pause vorgesehen. Ich bin prophylaktisch durch das Wasser gestakst, das ist wirklich sehr kalt und sehr erfrischend.

Vielleicht sieht das albern aus, wenn Damen mit gerafften Röcken und Herren mit hoch gerollten Smokinghosen im Storchengang durchs Wasser waten, ich werde mich nicht darüber lustig machen. Ich war im „Rheingold“, diesem harmlosen Aufgalopp, und wenn da jemand in Badehose oder Badeanzug säße, von mir aus mit Fliege um den Hals, er oder sie hätten mein vollstes Verständnis.

Der Dresscode ist überwiegend fein, Anzug, Smoking für den Herrn, lange Robe für die Dame, bei beiden egal welchen Alters. Es gibt aber auch Kombinierer, bunte Sommerkleider, Jeans, selbst Kurzbehoste. Ich trug weite, schwarze Leinenhose, weites schwarzes Leinenhemd, weites schwarzes Leinensakko. Dies nicht als Verneigung vor dem Existenzialismus, der ist nicht so deutlich zu sehen in Bayreuth, sondern als Respekt vor den Temperaturen.

Ich sitze Reihe 25, Platz 26, das ist ziemlich weit oben, sehr in der Mitte, da gibt es keine Chance, skandalfrei vorzeitig rauszukommen. Nur mit den Füßen zuerst.

Um es kurz zu machen – und gottlob bin ich ja nicht zur Berichterstattung abkommandiert, wo kämen wir dahin, ich mit meiner Inkompetenz, zum Glück bin ich nur zum Selbstversuch abkommandiert - um es also kurz zu machen: Ich habe überlebt.
Es sah eine Zeitlang nicht danach aus. Das Sakko habe ich schon vor dem ersten Ton ausgezogen, half aber nicht viel, die engen Stühlchen mit ihrem dünnen Cordbezug, die harten Rückenlehnen, all das tausendmal beschrieben, tausendmal erlitten, nur eben noch nicht von mir. Jetzt schon, „Weia! Waga! Woge, du Welle!“ Und das Kreuz, welch ein Schmerz, welch ein Leid.

Und die Welle kam doch. Sie kam über mich in der dritten Szene, in der Alberich den Mimen quält und sich später in großartiger Kulisse vom wütenden Wotan und listigem Loge fangen lässt. Großartige Kulisse, das mögen Wagnerianer anders sehen, weil sie schon anderes gesehen haben, ich nicht. Großartiger Gesang? Das mögen die Puristen bemäkeln, keine Ahnung, vielleicht auch nicht, ich mäkele nicht.

Und Wagner, der Text? Er ist nicht zu verstehen, akustisch nicht, inhaltlich gibt es kluge Zusammenfassungen. Und Wagner, die Musik? Sagen wir so, ich fange an zu ahnen, warum der Hype um Wagner so groß ist, warum Bayreuth ein Mythos und das Festival Legende (wenn auch nicht, da muss sich der ahnungslose Novize nach einem Leserhinweis korrigieren, auf zehn Jahre hinaus ausverkauft). Draußen tröpfelte es leicht, wie schön.

Heute Abend „Die Walküre, Beginn: 16:00 Uhr, Ende ca. 21:35 Uhr, mir graust jetzt schon weniger.

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