Erstbesteigung, Folge 3 : Der Wagner-Novize als Schmerzensmann

Leiden an der Walküre: Helmut Schümann wagt sich für Tagesspiegel.de an seine ganz persönliche Erstbesteigung des Grünen Hügels - Folge 3: Wotan und Wirbelsäule.

Helmut Schümann[Bayreuth]
Helmut Schümann
Helmut SchümannFoto: Kai-Uwe Heinrich

Nochmal zum vermeintlichen Ausverkauf der Festspiele auf zehn Jahre hinaus. Weil der Leser O. sich empört hatte, diese Aussage sei gänzlich falsch. Der Wagner-Novize, also ich, war daraufhin sehr verstört, weil er immer noch voller Ehrfurcht auf dem Grünen Hügel steht, vor dem Wagnerianertum und den Wagnerianern. Denen vermag er nicht zu widersprechen, also dementierte ich.

Mache ich jetzt wieder: Das Dementi vom Dementi. Es stimmt nämlich doch. Wohl hat Leser O. recht, wenn er sagt, dass die Karten im Frühjahr vergeben werden, aber um den Zuschlag zu bekommen, hat man im Durchschnitt sich acht Jahre beworben. Also ein bisschen ist es so, wie früher in der DDR beim Trabbi.

Die Festspielleitung beziffert die Überbuchungsquote beim „Ring“ auf sieben. Das heißt, jede Karte könnte sie siebenmal verkaufen. Das geht nicht, kommen also sechs Anfragen auf die Warteliste, dort stehen schon sechs vom Vorjahr. In diesem Jahr hat es 450.000 Anfragen für Tickets gegeben, es konnten aber nur 50.000 erfüllt werden. Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass manch einer nicht ganz so lange warten muss, weil er jemanden kennt, der jemanden kennt, es ist tatsächlich ein bisschen wie früher beim Trabbi.

Die eigentliche Frage für diesen Selbstversuch aber war, wer oder was bin ich nach diesem Wagner-Marathon. Was, ist schon nach der Hälfte zu beantworten: Ich bin malade. Das Kreuz. Im 1. Akt der „Walküre“ habe ich gestern geglaubt, mein Körper bräuchte etwa 20 Minuten, um auf dem Klappstühlchen eine schmerzfreie Position zu finden. Mein Gott, Wagner, wäre die Akustik wirklich um so viel schlechter geworden, wenn ein kleines Polster an den Rückenlehnen befestigt wäre? Auf solchen Stühlchen habe ich zuletzt vor 35 Jahren im Physikunterricht gesessen. Entsprechend waren die Noten. Und danach noch mal im Hörsaal, aber da gab es Pulte, auf denen man den Kopf betten und so den Rücken entspannen konnte.

Im 2. Akt der „Walküre“ habe ich gemerkt, dass mein Rücken nicht auf Zeit reagiert, sondern auf das Bühnengeschehen. Wenn Wotan sich im Halbdunkel und in trister Landschaft erst mit Gattin Fricka ansingt und dann mit Tochter Brünnhilde, dann reagiert mein Rücken. Der jeweils schweigsame Part auf der Bühne steht einfach so rum – und mein Rücken sagt, Mensch, beweg dich. Es fängt rechts an, in der Mitte. Der Schmerz wandert nicht, das wäre vielleicht auszuhalten, er breitet sich aus. Er ist dann hinten Mitte rechts, hinten Mitte links, in der linken Schulter und in der rechten. Bewegung täte jetzt not, aber soll ich mich recken?

Wotan ist im Dialog mit Brünnhilde erst liebender Vater, dann erzürnter Vater, weil Brünnhilde den Inzest von Siegmund und Sieglinde nicht verdammt. Die Zerrissenheit Wotans zwischen Tochterliebe und Gesetzestreue ist nicht zu sehen, so viel Kritik erlaube ich mir jetzt nach bereits vier Stunden Wagner schon. Ich weiß aber nicht, wem mein Buh gelten soll: Der statischen Darstellung des Wotan, der Inszenierung Tankred Dorsts, oder doch Wagner, der die Dialoglastigkeit offensichtlich zum Prinzip erhoben hat. Ich schweige, mein Rücken brüllt.

Wenn wenigstens was zu verstehen wäre. Katharina Wagner hat gestern auf die Frage, wann denn auch in Bayreuth Untertitel aufleuchten würden, die etwas dünne Antwort gegeben, dass das dann in acht Sprachen geschehen müsste. Vielleicht ist es ketzerisch, aber wenn eh nix zu verstehen ist, könnte man da nicht gleich Rückenpolster. . .

Im 3. Akt verstummt mein Rücken. Da Sammeln die Walküren Heldenseelen ein, da schwillt die Musik an, da braust es und rauscht es und das Bühnenbild gibt den Kopf frei zum Schauen und Entlasten der Wirbelsäule.

Und sie schweigt auch, als Wotan lange mit Brünnhilde diskutiert, ob er sie nun väterlich lieben oder sie zur Strafe für ihre Renitenz ins Koma versetzen soll (er entscheidet sich fürs Koma). Und gänzlich verstummt sie beim grandiosen Schlussbild mit Wotan im Nebel und der schlafenden Brünnhilde im Feuerkranz. Wotan: „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie!“ (Textbuch, kein Zitat vom Hörensagen) Ah, Pathos, schaurig, schön! Offensichtlich muss ein Held her.

Ich weiß trotzdem noch nicht, wer ich bin. Beim Rausgehen sehe ich nahezu unmittelbar vor mir das Ehepaar Merkel/Sauer. Nur noch zwei kräftige Männer sind zwischen uns, Fafner und Fasolt möglicherweise. Das Ehepaar biegt links ab, sie geht auf die Damen-Toilette, er rechts für Herren. Die beiden sind bekennende Wagnerianer. Ich nicht, ich habe keine Blasenprobleme, ich habe es im Kreuz.

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