Erstbesteigung, Folge 6 : Der Wagner-Novize über Richard und Richards

Helmut Schümann wagt sich für Tagesspiegel.de an seine ganz persönliche Erstbesteigung des Grünen Hügels - Folge 6: Vom Tanzboden auf den Olymp.

Helmut Schümann
Helmut Schümann
Helmut SchümannFoto: Kai-Uwe Heinrich

Wohlan, und frischen Mut gefasst, es gilt, den Göttern die Macht zu entreißen. Dank der Zuschrift von kilgore die Niederlage gegen Siegfried überwunden. Weiß jetzt, es war keine. "Denn der Götter Ende dämmert nun auf."

Den gestrigen, von Wagner freien Tag, zu einem Besuch in München genutzt, es galt Freunde zu besuchen und den endgültigen Abschied einer traditionsreichen Kneipe zu zelebrieren, es galt Trauer und Trunksucht. (Leichte Zweifel bei der Formulierung "von Wagner freien Tag". Ist nicht alles irgendwie Wagner? Hängt nicht alles irgendwie zusammen? Der Ring? Das Leben? Trauer, Rausch, Musik?)

Ungläubiges Schauen und Staunen bei den Freunden: "Du in Bayreuth? Du? Und was ist mit Waits? Waits, Tom?" Fängt auch mit W an, wie Wagner, Richard. Anderer Musikstil, aber gleiches Ziel, nämlich meine Seele, mein Herz. Die Musik der Kneipenverabschiedung ist charakterisiert mit "Stones".

Für Wagnerianer: "The Rolling Stones", berühmte Rockband der Sechziger-, Siebziger-, Achtziger-, Neunzigerjahre und des neuen Jahrtausends. Mutmaßlich älteste noch aktive Rockband des Universums. Bekannt geworden unter anderem durch "Sympathy for the devil". Protagonisten u. a.: Mick Jagger, Siegfried vergleichbar, allerdings in Frauenfragen weniger zögerlich; Keith Richards, unvergleichlich, physiognomisch vorzustellen als Inkarnation und Verschmelzung von Alberich, Mime und dem späten Fafner, dem Wurm.

Ein Gegengift dieser Abend? Ein Dementi Bayreuths? Aber nein! So viel Wagner ist nach Dreiviertel der Ringstrecke schon in mir. Nein! Nein! Und abermals Nein! Die Stones gehen ins Bein, uh, uh, das tut Wagner nicht, bam, babambam. Mick und Richard, auch Richards, Keith, gehen ins Gemüt, gleichermaßen.

Vom Tanzboden aus gehe ich gleich hinauf auf den Olymp. Es wird ein steiniger Weg werden, stones werden rollen, wenn bis zum Abend keine dramatische Änderung der Geschichte eintritt, werden es auch die falschen sein. Dann wird Siegfried sterben und nicht der intrigante Hagen, nicht Weichei Gunter, der gewisslich nur gut gepolstert ins Festspielhaus zu Bayreuth käme. Und Brünnhilde, "Angie" nennt Mick sie? Die Getäuschte, die Betrogene. Sie wird wohl ins Feuer gehen, wenn die Inszenierung nicht umgedeutet wird. Und die Liebe wird trotzdem siegen. Weil die Liebe immer siegen wird und die Götter nichts dagegen unternehmen können. Noch sechs Stunden Wagner, ich freue mich darauf. Oder, wie Jagger es sagt: "It's only Rock'n'Roll, but I like it."

0 Kommentare

Neuester Kommentar