Erstbesteigung, Folge 7 : Der Wagner-Novize ist am Ziel

Helmut Schümann wagte sich für Tagesspiegel.de an seine ganz persönliche Erstbesteigung des Grünen Hügels - Folge 7: Auf dem Gipfel.

Helmut Schümann
Helmut Schümann
Helmut SchümannFoto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist vollbracht, der Hügel erklommen. Kurz vor dem Gipfel noch einen Eklat produziert. Vor dem letzten Akt der "Götterdämmerung", dem letzten Akt des Gesamtringes, voller Ehrfurcht und Emphase den letzten Fanfarenstößen gelauscht. Noch ein Blick den Hügel hinab, zurück die bisherige Wegstrecke, plötzlich das Erschrecken: Du stehst ja alleine vor dem Festspielhaus. Alle anderen sind schon drin. Um 21:15 hebt sich der Vorhang. Um 21:12 erreiche ich Tür VI, dahinter die Reihe 25. Bis zu Platz 26 sind 25 sitzende Menschen zu überwinden. "Tschuldigung, darf ich mal..." Wer oder was ich bin, weiß ich nun aus berufenen, zischenden Mündern. "respektlos" (eine Zischmeldung), "eine Frechheit" (3), "Unverschämtheit" (3), "das Allerletzte" (4, aber "der" wäre richtiger gewesen "der Allerletzte"). Bekenne mich schuldig. Zumal ich keine schwarze Fliege umgebunden hatte. Schwarze Fliegen, so höre ich, sind, besser waren, Pflicht in Bayreuth zur Götterdämmerung. Weil all die Gestalten, mit denen man nun eine Woche mehr als weniger verbracht hat am Ende dran glauben müssen. Gottlob, ich bin nicht der einzige Fliegenfreie im Saal. Straf mindernd sollte für mich ins Gewicht fallen, dass wegen mir nicht eine Note verschoben werden musste, um 21:14 meinen Sitz erreicht.

Strafminderung gibt es nicht in Bayreuth. Anderenfalls wäre Siegried vielleicht davon gekommen. Jedes anständige Gericht hätte mildernd bewertet, dass Siegfried unter erheblichen Drogen stand, als er die Liebe verriet. Und hätte diejenigen vor den Kadi gezerrt, die ihm die Drogen untergejubelt und so angefixt hatten.

Gnade? Nichts da. In der von mir düpierten zischenden Reihe saßen zwei Gäste, die im gleichen Hotel wie ich logieren. Am nächsten Morgen sitze ich als Erster in einem der beiden Frühstücksräume. Besagte Gäste kommen, sie sehen mich, sie schleudern mir ihre verachtenden Blicke entgegen, und in ihren Gesichtern ist zu lesen, dass es ihnen unerträglich ist, u n e r t r ä g l i c h, mit mir in einem Raum zu verweilen. Erwäge kurz anzubieten, den gesamten Abwasch zu erledigen, stehle mich dann aber lieber voller Scham, aber auch stolzen Hauptes aus dem Haus.

Wir haben es gut hinbekommen, Wagner und ich. Der 1. Akt der Götterdämmerung, ein wenig mehr Stringenz hätte ich mich vielleicht gewünscht, ein wenig mehr Straffung des Textes. Es ist gewiss richtig, dass alles gesagt gehört, aber doch nicht von jedem und jeder und dann auch noch von Waltraute. Aber das sind nur Kleinigkeiten (mit denen Auswirkungen sich nun der zu konsultierende Physiotherapeut zu beschäftigen hat), und dass am äußersten Ende, als der Vorhang gefallen und alle Toten zum Schlussapplaus wieder auferstanden sind, dass Siegfried sich Buh-Rufe anhören muss, woraufhin dieser wenig heroisch reagiert und dem Publikum den Vogel zeigt, das sei nur am Rande erwähnt, das hat keinen Einfluss auf den Selbstversuch.

Geglückt. Was ich bin, wenn nicht gerade mal wieder das Allerletzte? Beglückt, keine Frage, nicht mehr skeptisch, nicht ignorant höhnend, nicht furchtsam. Wer ich bin? Kein Wagnerianer. Wie auch? Ich habe den Ring gesehen, einen Marathon absolviert, aber auch nicht mehr. Ich habe Bayreuth erahnt, ich habe den Mythos des Festivals berührt, ich habe die Musik gefühlt. Ich finde, das ist nicht schlecht für einen Novizen. "Heiaho! Grane! Grüße den Freund? Siegfried! Siegfried! Selig gilt dir mein Gruß!" Ja, und meiner auch.

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