Fake : Wenn das Fernsehen Klassik überträgt

Man stelle sich vor: 2500 Menschen bezahlen nicht wenig Geld dafür, zehn Minuten lang ungefragt angestrahlt und als TV-Kulisse verwendet zu werden, statt Schumanns Rheinische Sinfonie zu hören. Klassische Musik in den Medien? Ein ziemlicher Fake.

Christine Lemke-Matwey

Der erste Rechner will www. arte.tv/freischuetz gar nicht erst aufbauen, der zweite im Haushalt schafft es immerhin, sich den für die Internetübertragung des Baden-Badener „Freischütz“ am Montagabend nötigen Sonstwas-Reader downzuloaden. Mehr als ein paar verzweifelt hüpfende Bildchen und Klänge freilich erbringt diese Bemühung nicht. Zwei Web-Reporter sollen hier, von sechs Kameras begleitet, live hinter der Bühne unterwegs sein, der verschwörerische Ton lässt auf höchste Diskretion schließen: „Der Umbau zum zweiten Akt, meine Damen und Herren, ohne Superprofis läuft hier gar nichts, also mit welcher Präzision der Requisiteur da gerade Agathes Brautstrauß an den Haken hängt ... (ein Schnaufen ins Mikro, die Reporter-Stimme senkt sich noch weiter) ... und soeben betritt Juliane Banse die Seitenbühne, gleich wird sie der Agathe ihre seelenvolle Stimme leihen, wir sind live dabei, die Künstlerin geht in Position, atmet noch einmal tief durch ...“ – Heribert Faßbender auf Ersatzbank-Recherche während eines Fußball-Nationalspiels in, sagen wir, Dubai ist nichts dagegen.

Vor der Bühne sind es derweil gefühlte 60 Kameras, die einen im wahrsten Wortsinn behelligen. Hier ein Spot, da ein Schwenk, dort die Arte-Moderatorin, die lächelnd durch die Reihen schwebt und höchstwahrscheinlich gerade den Inhalt des zweiten Aktes referiert (die Generalprobe für dieses Multi-Event fand zur „Freischütz“-Premiere am Samstag statt, wir waren dabei). Verstehen tut man nichts, die Dame spricht nur fürs Fernsehen. Und so funzelig die Oper den Abend über auf der Mattscheibe bleibt (Fernsehlicht ist nicht gleich Theaterlicht), so grell erleuchtet findet sich der Saal (Theaterlicht ist nicht gleich Fernsehlicht). Prompt wird der Vordermann, die Nebenfrau interessanter als die Wolfsschlucht. Zugucken beim Zugucken. Was einen im Leben nicht weiter bringt.

Das Beste aber kommt noch. Auch das Konzert mit Thomas Hengelbrock und dem Mahler Chamber Orchestra am Pfingstsonntag wird live auf Arte übertragen, die Solisten Véronique Gens und Peter Mattei wechseln mozartarienweise die Garderobe, Kamerakräne heben und senken sich, das Licht gleißt, die Moderatorin moderiert. Und nicht nur das. Zu Beginn des zweiten Teils wird für die montägliche Übertragung ein kleines „Freischütz“-Interview mit Juliane Banse aufgezeichnet – rücklings zum Saal auf der Bühne stehend wohlgemerkt und für diesen wiederum stumm. Man stelle sich vor: 2500 Menschen bezahlen nicht wenig Geld dafür, zehn Minuten lang ungefragt angestrahlt und als TV-Kulisse verwendet zu werden, statt bereits Schumanns Rheinische Sinfonie zu hören. Die stand nämlich auf dem Programm.

Eine kostspielige Verwechslung. Von Schatten und Licht. Von Leben und Live. Guten Abend allerseits.

0 Kommentare

Neuester Kommentar