Filme : Im Rotlicht

Die Galerie Johnen zeigt Anri Salas "Answer Me". Barbara Weiss zeigt drei Filme von Harun Farocki.

Christina Tilmann

Der Sturm spielt sein eigenes Spiel. Zerstörte erst neulich die Abdeckung der ehemaligen Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg, wo Anri Sala Monate zuvor seine Arbeit „Answer me“ drehte – die Ruine ist nun noch mehr Ruine. Zerfetzt nun auch das Schutzsegel vor der Galerie Johnen, wo am Samstagabend die neue Sala-Ausstellung mit einer Trommelperformance eröffnet werden sollte. So musste der Trommler Nico Dockx in den Innenraum der Galerie umziehen.

Was den albanischen Videokünstler, der in Paris und Berlin lebt, am Teufelsberg reizte, ist offenkundig. Ein Geisterberg, ein Niemandsland, ein vergessener Ort. Voller Kriegs- und Kalter-Kriegs-Geschichte. Der Schutt des kriegszerstörten Berlin bildet den künstlichen Berg und deckt die Reste von Albert Speers monströs geplanter Militäruniversität zu. Die charakteristisch kugelköpfigen Bauten dienten der NSA zum Abhören von Ostberliner- und Sowjet-Informationen. Nebenbei ging hier alles, was sonst nicht ging in Berlin: Skifahren, Drachensteigenlassen, Rodeln, ja auch Jodeln, wegen der besonders guten Akustik. Nun plant David Lynch mit der Maharishi-Weltfriedensstiftung hier ein Zentrum der Transzendentalen Meditation, für fliegende Yogis. Das Geisterhafte liegt in der Luft.

Geschichte, Gespür für Orte und ihre Atmosphäre, für Fremdheit und Zauber zeichnet Anri Sala schon immer aus. Ein einsames, ausgemergeltes Pferd an der Autobahn. Ein schlafender Obdachloser im Mailänder Dom. Die tristen Häuser der albanischen Hauptstadt Tirana, die der damalige Bürgermeister Edi Rama 2003 bunt anmalen ließ, zwecks Hebung der allgemeinen Stimmung. Die nicht minder tristen Wohnblocks im Märkischen Viertel, von deren Höhen ein einsamer Trompeter melancholische Töne in den dämmernden Morgen schickt – mit dieser Arbeit war Sala 2005 ein Kandidat für den Preis der Nationalgalerie.

Immer sind es sanfte Arbeiten, Stillleben fast, getragen von einem romantisch-humanistischen Grundton. Der zärtliche Blick gilt dem kleinsten, unwichtigsten Wesen. Nicht umsonst beobachtet Sala in der zweiten neuen Arbeit, die bei Johnen gezeigt wird, „Who is afraid of Red, Yellow and Green“, Spinnen, die in Berliner Ampeln ihre Netze spannen und, wenn die Ampel umspringt, plötzlich geisterhaft in rotes oder grünes Licht getaucht werden. Fäden im Rotlichtbereich.

Von Geisterhand bewegt werden die Trommelstäbe in der knapp fünfminütigen Hauptarbeit „Answer Me“. Geisterhaft dringen die Rhythmen aus den futuristischen Kuppeltürmen, während drumherum Blätterrauschen und Vogelzwitschern die natürliche Geräuschkulisse bildet. Es ist, am Ort der ehemaligen Abhörstation, eine Studie über gestörte Kommunikation, über Sprechen und Nichtverstehen. Ein Mann, eine Frau, sie setzt zu einem Gespräch an, er wendet ihr den Rücken zu und trommelt. „Answer Me“, ruft sie in die Stille hinein, doch als Antwort kommen nur Trommelschläge, laut, aggressiv, dominant. Warum diese Beziehung scheitert – man ahnt es sogleich.

Eine Frage der Wellenlänge: In der Kuppel der Londoner St. Paul’s Cathedral reicht ein Flüstern, um sich mit dem Partner am anderen Ende der Galerie zu unterhalten. Hier auf dem Teufelsberg ist die Akustik genauso gut – die Vibrationen der Trommelschläge setzen eine zweite Trommel und die auf ihr liegenden Stöcke in Gang. Die Trommel steht neben der Frau, deren Worte nur noch an den Lippen abzulesen sind. Mit seiner Arbeit bezieht sich Sala auf Antonioni, den Meister der Nichtkommunikation: In einer Skizze hatte der italienische Regisseur davon gesprochen, die Trennung eines Paares nicht in Worten, sondern in der Stille, den nicht gesprochenen Worten filmen zu wollen. In der Anfangsszene zu „L’eclisse“ hat Antonioni 1962 diese Idee verwirklicht: Monica Vitti packt schweigend ihre Koffer, während der verlassene Partner ihr hilflos zusieht – eine quälende, zehnminütige Szene. Anri Sala komponiert, in fünf Minuten, den Herzschlag im Trommelwirbel dazu.

Für eine ganz andere Referenz auf die Filmgeschichte, und auf der Skala der Videokunst das extreme andere Ende, steht der eine Generation ältere Harun Farocki. Als Dauerwanderer zwischen Kino, Kunst und Wirklichkeit ist er mit seinen medienkritischen Untersuchungen zu Themen wie Folter, Überwachung, Kapitalismus, Globalisierung ein Vorbild für viele jüngere Künstler – auf der Berlinale war sein Film zum Thema Lehmziegelproduktion rund um die Welt zu sehen, das Sprengel-Museum in Hannover zeigt aktuell den Dokumentarfilm „Nicht ohne Risiko“ über die Welt des Venture Capitals.

Immer geht es um Analyse statt Einfühlung, Dekonstruktion statt Konstruktion, Kritik statt Kunst: Harun Farocki will so ziemlich das Gegenteil von Sala: Nicht Bilder, Stimmungen, Erzählungen schaffen, sondern auf die Zusammenhänge hinter den Bildern hinweisen.

Bei Barbara Weiss in der Zimmerstraße sind nun drei ältere Filme zu sehen, die zum Teil direkt auf die Filmgeschichte rekurrieren: „Zur Bauweise des Films bei Griffith“, 2006 auf der Berlinale gezeigt, untersucht die Entwicklung, die Griffith’ Filmsprache nahm – von den ungeschnittenen Plansequenzen in „The Londale Operator“ (1911) zu den Schnitten, Montagen und Großaufnahmen in „Intolerance“ fünf Jahre später. Die Geburt der Filmsprache aus dem ungeschnittenen Material – und neunzig Jahre später schlägt das Pendel zurück: „GegenMusik“, 2004 für die Europäische Kulturhauptstadt Lille gedreht, zitiert Dziga Vertov und Walther Ruttmann, die die Kamera auf die Straßen trugen, um dann das ungefilterte Material von Überwachungskameras in U-Bahnen und Einkaufszentren dagegenzusetzen. Bilder ohne Autor. Es braucht keine Trommelwirbel, um das Anliegen dahinter zu unterstreichen.

Anri Sala, Answer Me. Johnen Galerie, Schillingstr. 31; bis 25. April, Di-Sa 11-18 Uhr. – Harun Farocki, Galerie Barbara Weiss, Zimmerstr. 88-89; bis 18. April, Di-Sa 11 bis 18 Uhr.

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