Folge 1 : Erstbesteigung: Ein Wagner-Novize am Grünen Hügel

Wagnerianer sind die anderen. Helmut Schümann hatte für Bayreuth und den Grünen Hügel bislang nichts übrig. Jetzt wagt er sich an die Erstbesteigung - und schreibt darüber täglich für Tagesspiegel.de.

Helmut Schümann[Bayreuth]
Helmut Schümann
Helmut SchümannFoto: Kai-Uwe Heinrich

Montag, Abfahrt um 6:25 in Berlin. Höllisch früh eigentlich für den Anlass. Umsteigen in Saalbach, und dann zwei Stunden mit der Regionalbahn durch Thüringen, hinein nach Franken, bis nach Bayreuth. Also ich meine, Aufstehen kurz nach Mitternacht, dann fast drei Stunden im überfüllten ICE, anschließend zwei Stunden Regionalbahn, mit Halt an jedem Baum, also ich meine, das kann Wagner nicht wert sein.

Eine große Menge der Menschheit ist natürlich anderer Meinung, die würden den berühmten Grünen Hügel in Bayreuth von Berlin aus auch auf den Knien angehen, nur um beim Wagner-Festival dabei zu sein. Man nennt diese Menschen Wagnerianer. Ich bin nicht so einer.

Aber ich habe etwas, wonach sich viele Jahre mindestens zehn Jahre verzehren – auf zehn Jahre hinaus ist das Festival ausgebucht – ich habe Tickets. Ich sollte dankbar sein. Ich schaue mir den Ring an, komplett, am Montag geht es los mit Rheingold, dann folgt die Walküre, ein Ruhetag, Siegfried, ein Ruhetag, und am Samstag die Götterdämmerung. Dankbar? Wir werden sehen, wer oder was ich danach bin.

Sechzehn Stunden Wagner, verteilt auf vier Tage, das ist ein bisschen viel Marathon, für einen, der bislang keinen richtigen Bezug zu Opern gefunden hat und zu Wagner auch nicht. Oder um mit The Police zu sprechen: I’m alien, I’m a legal alien, I’m a rock music fan in Bayreuth.

Ich habe mich natürlich vorbereitet, habe die Stücke nachgelesen. Heute Abend höre ich solche Worte: „Weia! Waga! Woge, du Welle! Walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weiala weia!“ Wir werden sehen, wer oder was ich danach bin.

Ich habe die Textfassung dann lieber weggelegt, und Shaw gelesen, George Bernard, den so trefflichen Ironiker. Der hat sich auch mit Wagner beschäftigt, so wunderbar leicht und so voller Verehrung – fast habe ich mich für meine ängstliche Skepsis geschämt. Andererseits gibt es auch diesen Satz von Woody Allen: „Jedesmal wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis in Polen einzumarschieren.“

Wahrscheinlich ist Wagner ein Wagnis für mich.

Es ist warm in Bayreuth. Selbst glühendste Wagnerianer haben mich gewarnt, vor der Hitze im Festsaal, vor dem harten Gestühl, vor der Lautstärke, vor der Länge der Akte. Und die liebe Freundin, sie ist die glühendste von allen, die mich eingeführt hat auf dem Grünen Hügel, sagte zum Abschied: „Heute ist leicht, nur zweieinhalb Stunden, allerdings keine Pause, dafür hast du dann wirklich Feierabend.“

Also: Ist Wagner Maloche?

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