Geburtstag : Brooklyn Academy feiert 90. von Merce Cunningham

Die Brooklyn Academy of Music hat schon manchen historischen Abend erlebt. Heute wird dort Tanzgeschichte geschrieben. Die Merce Cunningham Dance Company feiert den 90. Geburtstag ihres Schöpfers mit der Uraufführung der Choreografie „Nearly Ninety“.

Rüdiger Schaper
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Merce

Cunningham selbst hat im Rollstuhl die Proben geleitet, die Musik wird live gespielt von Sonic Youth, dem Ex-Led-Zeppelin-Bassisten John Paul Jones und dem Komponisten Takehisa Kosugi. Wäre Cunningham ein Philosoph der Aufklärung, würde man sagen, er hat den Tanz aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit geführt, heraus aus dem Bewegungskorsett des klassischen Balletts.

Er ist der Meister – und Überwinder – des Modern Dance, er hat dafür gesorgt, dass der zeitgenössische Tanz offen ist für andere Medien, für die Musik des Zufalls. Ein halbes Jahrhundert arbeitete er mit dem Komponisten John Cage zusammen; eine der fruchtbarsten, innovativsten Künstlerpaarungen des 20. Jahrhunderts. Die beiden entwickelten eine Relativitätstheorie der menschlichen Bewegung: „Es gibt keine Fixpunkte im Raum“, sagt Cunningham, „wo immer du bist, ist das Zentrum, und ebenso dort, wo alle anderen sind. Das ist ein zutiefst buddhistischer Gedanke.“ Die Tanzwelt tat sich anfangs schwer mit diesem Menschenbühnenbild. Bildende Künstler wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns und Andy Warhol schufen ihm Räume. Früh schon begann er mit asiatisch inspirierten Diagrammen zu experimentieren, seit Anfang der neunziger Jahre entwirft er auch Choreografien am Computer. Dabei geht es ihm nicht um blanke Perfektion, sondern um größtmögliche Komplexität: „Meine Arbeiten sind nicht einfach, aber sie sind sehr klar.“

Expressivität und Pathos hat der ehemalige Solotänzer der Martha Graham Dance Company als einengend empfunden. Cunninghams Choreografien gleichen einem pulsierenden Kosmos, sie sind von hoher Abstraktion und kühler Poesie. 1999 und 2002, zum 50-jährigen Bestehen seiner Company, gastierte Merce Cunningham beim Internationalen Tanzfest in Berlin. Noch mit Anfang achtzig ist er selbst aufgetreten, und wenn die von Arthritis geplagten Beine versagten, ließ er seine Hände sprechen. Dass Gott würfelt, wird gelegentlich behauptet. Von Merce Cunningham, diesem heiteren Weisen, weiß man es. Der Choreograf lässt Würfel oder Münze über Rhythmus und Reihenfolge seiner Stücke entscheiden: „Wenn du akzeptierst, was herauskommt, ist das immer eine große Erleichterung.“ Das Unbekannte, und darin ist Cunningham zutiefst Amerikaner, bietet die Chance, etwas Neues zu entdecken, etwas zu bewegen. Rüdiger Schaper 

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