Geschwister Pfister : Im Kurschatten

Die Geschwister Pfister verwandeln das Tipi am Kanzleramt in eine Wellness-Oase.

Frederik Hanssen
Pfister
Die Pfisters -Foto: dpa

Wer dran glaubt, dem helfen auch Placebos. Und wer die Geschwister Pfister liebt, wird auch ihr neues Programm mögen: Urslis Kostümparade zwischen Marie Antoinette und rappenscharfem Crazy-Horse-Outfit, Tonis schwyzer Geschwätz, Fräulein Schneiders nicht immer ganz stubenreine Kefir-Philosophie („Wo ich hinkomme, bilden sich Kulturen“). Diesmal hat sich das seit 1991 in Berlin aktive Trio in die eigene Klinik eingeliefert – wobei sich das als Einsiedelei für die drei Kleinkünstler gedachte Chalet unverzüglich zum Treffpunkt ausgebrannter Medienstars entwickelt. Wenn die Scheinwerfer im Tipi am Kanzleramt aufflammen, wird in der eleganten Lobby mit Natursteinkamin (Bühne: Stephan Prattes) gerade das dreijährige Bestehen des Familienbetriebs gefeiert. Kaum sind jedoch die Protagonisten vorgestellt und einige Zoten über prominente Patienten gerissen, gehen Skriptautor Christoph Marti die Ideen aus, gleitet der Abend in eine Modenschau mit Gesang ab.

Das Kostümfest, das im zweiten Teil gefeiert wird, bietet zwar zweifellos Entertainment der Extraklasse, hat mit dem angekündigten Sujet aber nichts mehr zu tun. Ein Sanatorium im Kurschatten. Wo ist der freche Witz, der hintergründige Humor? Dabei ist es das Thema der Stunde, das letzte Boomsegment der Freizeitindustrie, das mit seiner stilblütenreichen Gesundheitsprosa und Wellnesslyrik geradezu nach Satire schreit.

Doch die Geschwister Pfister feiern lieber ein Frühlingsfest der Popmusik, einen Grand Prix des extravaganten Geschmacks, so lustig wie beim Kinderfasching, so grellbunt wie in Las Vegas, so frivol wie einst in der Nachtrevue des Friedrichstadtpalasts (Kostüme: Guido Maria Kretschmer). Wenn Tobias Bonn mit blonder Zottelmähne einen erschreckenden Ausblick darauf gibt, wie Florian Silbereisen in 20 Jahren aussehen könnte, wenn Christoph Marti als rhythmischer Sportgymnast brilliert, wenn Andreja Schneider alias Räuber Hotzenplotz die Schlager-Trouvaille „In der Spelunke zur alten Unke“ intoniert, dann hat das die gewohnte Klasse.

Und klingt sogar noch perfekter, noch professioneller als je zuvor: Getragen von Johannes Roloffs genialen Arrangements lassen die Geschwister Sixties-Swing auf politischen Folk krachen, zappen vom Rap zur Schnulze, locken „Bongo Cha-Cha-Cha, kommt mit nach Südamerika“, reisen zur „Kirchweih nach Tschenstochau“. Und dennoch fühlt man sich am Ende des zweieinhalbstündigen Abend so gesättigt wie nach einer F.X.-Mayr-Diät.

Oder sollte die Mogelpackung womöglich Absicht sein? Kennen die Pfisters ihre Fans so gut, dass sie wissen: Die schlucken alles, ohne zu murren? Die wörtliche Übersetzung des lateinischen Ausdrucks „placebo“ lautet schließlich „ich werde gefallen“. Lang anhaltender Jubel. Frederik Hanssen

Bis 21. Juni und vom 1. bis 5. Juli, immer dienstags bis sonntags.

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