Hamburger ''Ring'' : Vatermord im Tropenhaus

Man staunt, wie viele anrührende Momente die Partitur birgt. So menschlich war der Recke nie: Claus Guths Hamburger "Siegfried".

Volker Hagedorn
Siegfried
Droh mir nur, o du Dreister! Mime (Peter Galliard) wird von Siegfried (Christian Franz) in die Enge getrieben. -Foto: Angelika Warmuth/dpa

Hatten die beiden mal was zusammen? Die Bibliothekarin steht auf der Leiter, ockerfarbenes Kostüm, festes Schuhwerk, strenge Brille zum grauen Haar, und am Resopaltisch grübelt der Gast; ergrauter Dozent könnte er sein, wäre da nicht der exzentrisch lange schwarze Mantel. Es ist Wotan, der Erda um Rat fragt. Und ob die beiden etwas zusammen hatten! „Ein Wunschmädchen gebar ich Wotan“, so erinnert sich die Bibliothekarin an Brünnhilde. Doch da hat man den beiden älteren Herrschaften die gemeinsame Geschichte längst angemerkt, an der Art, wie sie sich annähern, aus dem Weg gehen, in Büchern blättern. Es gibt nicht viele Opernregisseure, die so fein, so sensibel, so klar mit ihren Personen arbeiten. Und Claus Guth ist einer der besten dieser Musikpsychologen.

Mit „Siegfried“ geht der neue Hamburger „Ring“ in die dritte Runde. Und in die menschlichste. Im „Rheingold“ hatte Guth die Geburt des Größenwahns im nachkriegsdeutschen Eigenheim vorgeführt, in „Walküre“ zeigte er Wotan als kühlen Experimentierer und die Walküren im Mädchenpensionat; nun hat er es mit einer der unsympathischsten Gestalten der Operngeschichte zu tun. Siegfried, blonde Bestie, germanisch und brutal, inzestgeborener Homunkulus und Muskulator – so zeigt ihn natürlich keiner mehr, aber es ist schwer, aus Richard Wagners Libretto einen Gegenentwurf zu gewinnen, zumal Siegfrieds Hass auf seinen Ziehvater Mime sich in Totschlagwörtern äußert. Man hat Siegfried auch schon mal in Kinderklamotten gesteckt, das hilft nicht viel.

Bei Guth ist er ein pubertärer Kerl, trotzig und anhänglich zugleich. Ausstatter Christian Schmidt hat ihm einen fleckigen Jungsfummel nähen lassen, in den die tapsige Körpersprache von Christian Franz ebenso passt wie die übernächtigt zuckende von Peter Gailliard in Mimes blauen Pyjama.

Die beiden hausen in einer neonbeleuchteten Werkhalle, aus der heilen Eigenheimwelt des „Rheingold“ grüßen nur noch Bügelbrett und Waschmaschine. Wenn Siegfried sagt „Ich kann dich ja nicht leiden“, hat das was von Teenies, die Erwachsene „peinlich“ finden. Halb widerwillig akzeptiert der Recke die Decke, die der Zwerg, nervös und pillenschluckend, über ihn legt. „Siegfried“ ist hier auch eine Geschichte über das Erwachsenwerden und die Verletzungen, die das überall hinterlässt – gesungen und gespielt mit größter Sensibilität.

Man staunt, wie viele anrührende Momente die Partitur birgt. Simone Young legt sie frei, indem sie mit den Hamburger Philharmonikern das Material akribisch und sinnlich auf seine Klangeigenschaften hin erforscht, delikate Mixturen blühen lässt, in der Schwärze der tiefen Bläser Farbwunder herauspräpariert, andererseits auch Rhythmik als szenischen Treibsatz zündet. Gerade weil sie Wagner zuerst als Klangerfinder sieht, kann der Theatraliker Wagner auf neue Bahnen geraten. Wobei kein Sänger gegen das Orchester anschreien muss – es ist auffallend, wie textdeutlich, ja textsensibel jeder sein Profil gewinnt, Siegfried lyrisch drängend, Mime mit halb durchscheinendem, halb drahtigem Tenor, Falk Struckmanns Wotan mit geradezu süffisanter Ironie.

Und der Lindwurm? Christian Schmidts Bildlösung ist allein schon eine Reise nach Hamburg wert. Die Drachenhöhle ist ein Tropenhaus der 50er Jahre, gelbe Kacheln um ein riesiges Terrarium, das Glas geborsten, dahinter wuchert Dschungel. Kein Saurier haust dort, der Dschungel allein ist schon die Herausforderung, aus ihm taumelt ein alter sterbender Mann, noch eine Vatermordfigur für Siegfried, der auch Mime tötet und dann doch so zärtlich von ihm Abschied nimmt, dass man ein Leben jenseits von Macht und Mythos spürt. Und natürlich bringt am Ende die Begegnung mit Brünnhilde in Hausruinen, wie sie von Bagdad bis Grosny stehen, mehr Angst als Jubel. Catherine Fosters vital glänzende Höhe wirkt fast befremdlich in dieser Ödnis. Großer Jubel – und für Claus Guth so wenige Buhs wie noch nie. Hinfahren!

Weitere Vorstellungen: heute, 22. Oktober, sowie am 1., 5., 8. und 15. November.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben