Interview : Die Farben des Gefühls

Designer und Kostümbildner Christian Lacroix spricht über Mode, Drama Queens und die "Agrippina"-Premiere an der Staatsoper.

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Mode und Theater: Designer Christian Lacroix arbeitet seit 1987 fürs Theater. Am Donnerstag hat an der Berliner Staatsoper Händels...Foto: Stephanie Lehmann

Monsieur Lacroix, in einer Zeitung stand über Sie: Als Maler wäre er ein großer Kolorist geworden. Welche Farbe hat für Sie Händels „Agrippina“?



Rotbraun, die Farbe getrockneten Blutes. Das wäre meine Wahl gewesen, aber das hätte nicht zu der Idee von Regisseur Vincent Boussard gepasst. Er wollte das Stück in einem minimalistischen Ambiente ansiedeln und daher trägt unsere Agrippina jetzt schwarz. Ein Haute-Couture-Kostüm natürlich, sehr eng anliegend, weil es für die Sängerin gar nicht eng genug sein konnte.

Das klingt, als würden sie Ihre Kostüme nicht nur den Darstellern, sondern auch den Ideen des Regisseurs auf den Leib schneidern.

Klar, wenn es nur nach mir ginge, würde ich vermutlich bei jeder Inszenierung eine Orgie aus Farben und endlosen Stoffbahnen feiern. Normalerweise fangen wir sehr früh an, uns Gedanken zu machen. Vincent erzählt mir stundenlang etwas über das Stück und ich mache kleine Skizzen, aus denen sich allmählich Kostümideen herausschälen. Aber diesmal kam ich relativ spät dazu, weil ich wegen der Abwicklung meines Modehauses hauptsächlich mit Rechtsanwälten beschäftigt war. Und da gab es eben schon einen Plan: ein Barockkostüm, der Rest modern. Anzug, Krawatte und so weiter, ein bisschen wie ein klassischer Schwarz-Weiß-Film.

Das verwundert, weil Sie und Boussard ja Cavallis „Eliogabalo“, ein vergleichbares Intrigendrama vom römischen Kaiserhof, auf sehr opulente, historische Weise inszeniert haben.

Bei „Eliogabalo“ schwebte Vincent das Finale einer Fashion Show vor. Das kam wohl auch, weil er eine Modenschau von mir gesehen hatte und mich dann als Kostümbildner haben wollte. Aber wir wollten uns gerade wegen der Ähnlichkeit der Geschichten nicht wiederholen, man fällt sonst leicht in Gewohnheiten. Unterschätzen Sie nicht die Schwierigkeit, perfekte Haute-Couture-Anzüge in schwarz herzustellen, die auf jeden Charakter zugeschnitten sind.

Sind Ihre Entwürfe auch der Musik angepasst? Schwere Faltenwürfe für eine große Da-Capo-Arie?

Ich bin sehr vorsichtig und erlaube mir nicht, die Musik anzuhören, bevor ich Vincents Ideen gehört habe. Meine Ideen wären natürlich viel barocker. Oder auch kitschiger: Für Agrippina hätte ich mir eine Art Joan Collins in „Denver Clan“ vorgestellt. Wahrscheinlich ist es gut, dass es anders gekommen ist.

Ist der Arbeitsprozess in der Oper nicht vergleichbar mit dem der Haute Couture? Im Kopf hat man ein Model mit perfekten Maßen, aber man muss dafür sorgen, dass auch bei Größe XL noch etwas von der Idee und Eleganz des Kostüms übrig bleibt?

Absolut. Haute Couture ist sowieso sehr nahe an der Oper – denken Sie an die ganzen Drama Queens. Und die Haute-Couture-Trägerinnen sind ja auch keine Durchschnittstypen, sondern Frauen, deren Lifestyle ebenso wenig alltäglich ist wie der einer Opernfigur – und die auch keine Model-Figur haben. Die brauchen Kostüme für jeden Auftritt: Hochzeiten, Vernissagen und so weiter.

Jede Modenschau ist also eine kleine Oper mit fünf, sechs verschiedenen Charakteren?

Schon wegen der Musik und des Bühnenbilds, die auch bei einer Modenschau Spannung und Rhythmus schaffen, sind sich beide ähnlich. Aber darüber hinaus haben sowohl Oper wie Haute Couture für mich etwas Spirituelles. Da muss jeder Auftritt Leben und Seele haben. Ich liebe es, wenn die Leute in einer Modenschau bewegt sind und weinen, wenn sie ein Brautkleid sehen. Mode spielt sich nicht im luftleeren Raum ab, sondern muss immer etwas haben, das die Menschen im Inneren berührt.

Als Sie mit Oper und Theater begonnen haben, war das für Sie auch ein Weg, das auszuleben, was Sie auf dem Laufsteg nicht verwirklichen konnten?

Eigentlich war Theater immer meine Leidenschaft. Schon als Kind habe ich mich nicht mit dem grauen Einerlei des Alltags abfinden wollen und in meinen Zeichnungen und Entwürfen meine Umwelt umgestaltet. Aber ich wohnte in der südfranzösischen Provinz und meine Eltern waren sehr darum besorgt, mich etwas Seriöses lernen zu lassen. Und da habe ich eben an der Sorbonne Kunstgeschichte studiert, um ihnen den Gefallen zu tun. Aber Mitte Zwanzig hatte ich das Gefühl, dass der Beruf des Museumskurators nicht meine Zukunft sein konnte.

Und dann wird man eben Modedesigner?

Das kam zufällig, weil ein Freund meiner Frau meine Entwürfe sah und meinte, ich sollte etwas daraus machen. Und weil ich mit 25 meinen Eltern nicht mehr auf der Tasche liegen wollte, habe ich dann eine Mappe zusammengestellt und das erste Jobangebot angenommen, das mir gemacht wurde. Das war bei Hèrmes in der Modeabteilung.

Sie haben in eine Branche gewechselt, die bald darauf dem Untergang geweiht war. Was heute zählt, sind die Marken und nicht die zur Schau gestellte Individualität von Haute-Couture-Kostümen.

Wenn ich je wieder mit dem Haute-Couture-Geschäft anfinge, würde ich auf den ganzen Lizenzkram verzichten – obwohl der das Geld bringt. Ich wünsche mir, dass die Haute Couture wieder zu ihrem eigentlichen Wesen zurückfindet: der Theatralisierung des Alltags und dem Ausdruck von Individualität und Persönlichkeit. Das gilt nicht nur für Kleidung, sondern auch für die Dinge, die uns umgeben. Als ich gefragt wurde, ob ich ein Hotel ausstatten wollte, habe ich unter der Bedingung zugesagt, dass jeder Raum anders aussehen und auf eine Weise eine Idee transportieren müsse, die man mit einem Hotel verbindet: Literatur, Liebe oder auch Selbstmord. Das war sehr erfolgreich, weil es die Leute überraschte.

Woran liegt es, dass die Menschen ihre Individualität nicht mehr in Kleidung ausdrücken wollen?

Ich glaube, das hat vor allem damit zu tun, dass der Optimismus aus unserer Gesellschaft verschwunden ist. Nehmen Sie als Gegenbeispiel die siebziger Jahre. Damals hatten wir das Gefühl, dass uns die Zukunft offen steht, dass sie für jeden Einzelnen voller Möglichkeiten steckt. Man hatte keine Angst und deshalb auch den Mut, sich in der Kleidung zu verwirklichen. Seit den Achtzigern dagegen hat die Zukunftsangst dazu geführt, dass jeder nur noch zu einer Gruppe gehören will. Und das ist nun mal die Marke, das Label.

Ist die Bühne das letzte Feld, auf dem noch extrovertierte Individualität erlaubt ist?

Ja, in diesem Sinne sind meine Kostüme hoffentlich eine Aufforderung, den Alltag wieder sinnlicher zu gestalten. Weg von den Trends, zurück zur Persönlichkeit.

Das Gespräch führte Jörg Königsdorf.

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