Jazz-Pianist Cecil Taylor wird 80 : Der Berserker

Was soll man davon halten? Wenn er die Bühne betritt, versteckt unter Wollmütze und hinter einer riesigen Brille, tänzelt und hüpft Cecil Taylor erst mal eine Weile sehr eigentümlich und stößt dabei auch noch unverständliche Laute aus.

Johannes Völz
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Cecil Taylor

 Und wie soll man es finden, wenn er in Interviews auf einmal flüstert, mit übertriebenen Kunstpausen und überkandidelter Gestik? Ist dieser Mann, worauf seine Kritiker seit einem halben Jahrhundert beharren, übergeschnappt, ein Scharlatan? Auch Taylors Musik beantwortet diese Fragen nicht. Es lässt sich manchmal schlicht nicht erkennen, was er da eigentlich treibt am Klavier. Wenn er minutenlang mit aller Kraft über die Tastatur fegt, wirken die rasend schnellen Kaskaden willkürlich. Einzelne Töne sind in dem Gewalt-Cluster kaum auszumachen. Musik oder Geklimper?

Und dennoch: Cecil Taylor, der sein genaues Geburtsdatum für sich behält, aber nach Auskunft einschlägiger Quellen heute 80 Jahre alt wird, ist ein Meister, ein Virtuose, und vor allem: Er lässt sich nicht imitieren. Seine im Ritus verwurzelten Tänzchen, sein von Magie durchdrungenes Raunen, sein Berserkertum – all das fügt sich zusammen zu einer ästhetischen Erfahrung, die den Zuhörer den zentrierenden Kräften des Diesseits zu entreißen scheint. Wer sich darauf eingelassen hat, weiß, wie schwer das auszuhalten ist. „Auch ich“, gab der Dichter und Fan Clark Coolidge einmal zu, „würde lieber, als ihm zuzuhören, nicht zuhören.“

Bei aller Schwierigkeit ist seine Musik affirmativ gestimmt. Statt abzulehnen, saugt sie auf. Taylor bedient sich am Fundus der Klassik, des Jazz, selbst bei James Brown, aber nie nach dem Baukastenprinzip des Eklektizismus, sondern immer amalgamierend. Seine stupende Technik geht zurück auf seine klassische Ausbildung am renommierten New England Conservatory in Boston, doch ob Klassik oder Jazz: Unter seinem Anschlag bersten alle Kategorien. Notiz nahm man von ihm erstmals 1956, als er im New Yorker Five Spot Café den Jazz aus den Angeln hob. Im gleichen Jahr erschien auch „Jazz Advance“, seine erste – bereits grandiose – Trio-Platte. Zwar hält sich Taylor hier noch artig an die Vorgaben von Swing und Harmonik, doch bastelt er bereits an jener musikalischen Kategorie, die der Jazzforscher Ekkehard Jost einmal als „Intensität“ definierte: als ausgeklügelte Mischung aus Tempo und Lautstärke.

Ausreifen konnte das Konzept wenige Jahre später, als der Schlagzeuger Sunny Murray begann, spontane rhythmische Akzente zu setzen, anstatt einen regelmäßigen Takt zu halten. Was Taylor erlaubte, sein Klavier selbst wie ein Schlagzeug zu behandeln. Der Ansatz hat sich über die Jahrzehnte als unendlich fruchtbar erwiesen, und längst hat Taylor dem großen Donnern eine lyrische Stimme hinzugefügt. Nur leider: Ohne Zweifel ist das nicht zu haben. Johannes Völz

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