Jazzfest Berlin : Lionel Loueke ist ein Wunderkind

Auftakt beim Jazzfest Berlin: Dafür, dass er im westafrikanischen Benin fast die Hälfte seines 36-jährigen Lebens gitarrenlos verbracht haben soll, ist Lionel Loueke noch immer ein Wunderkind.

Gregor Dotzauer

Seit er mit dem Album „Karibu“ sein Blue-Note-Debüt vorlegte, ist er nach einigen Jahren als Independent-Künstler obendrein ein marktapprobierter Star: versehen mit den Weihen eines legendären Labels, dem das Berliner Jazzfest, das Louekes Trio am Mittwoch im Haus der Berliner Festspiele eröffnete, seinen Schwerpunkt gewidmet hat. Im letzten Jahr war er hier noch als Sideman seines Mentors Herbie Hancock.

Das erste Instrument, so heißt es, überließ ihm sein älterer Bruder erst mit 17 Jahren. Seither muss er jede Sekunde doppelt und dreifach genutzt haben, um die Klänge, mit denen ihm Fela Kuti und King Sunny Adé in den Gehörgängen herumtanzten, in einen zeitgenössischen Jazzkontext zu übersetzen. Wie er heute auf seiner elektroakustischen Nylonsaitengitarre mit chorusreichen Sounds durch seine Kompositionen schwebt und dann wieder klangklare Arpeggien ausrollt, wie er ganz ohne Plektrum, nur mit den Fingern und einem gewaltig slappenden Daumen, Single-Note-Spiel und polyfonen Reichtum über polymetrischen Stolperlandschaften verbindet, das ist zumindest in der Amalgamierung einzigartig. Und auch sein Gesang hat etwas ganz Eigenes: von rhythmischem Zungenschnalzen akzentuierte Melodieraketen, die im Unisono mit Massimo Biolcati am Kontrabass und dem überragenden ungarischen Drummer Ferenc Nemeth davonzischen; Scatvocals, die sich wie bei George Benson ans Gitarrensolo anschmiegen; oder mehrstimmige Chöre, die hymnisch aus Louekes Effektgerätepark steigen.

Nach der Pause die europäische Erstaufführung von „A Tale Of God’s Will“ mit dem Filmorchester Babelsberg unter Scott Lawton. Auch ohne zu wissen, dass es sich um ein Requiem für die Opfer des Hurrikans Katrina handelt, der 2005 New Orleans und seine Deiche zerstörte, wäre das Trauermusik von hoher Berührungskraft, durch die die Trompete des musikalischen Kopfes Terence Blanchard elegische Spuren zieht. Als kammermusikalischer Soundtrack zu Spike Lees vierstündiger HBO-Dokumentation „When The Levees Broke“ entstanden, wird daraus in der Orchestrierung reines Hollywood: Klangfläche statt Substanz – Jazzquintett mit Geschmacksverstärker. In die Annalen des orchestralen Jazz wird das große, in Berlin von einer Diaprojektion flankierte Werk, deshalb kaum eingehen. Schon sein Titel verrät im Übrigen, wie sehr hier auf das Schicksalhafte der Katastrophe gesetzt wird, statt ihre politische Dimension zu berühren, die Spike Lees Film durchaus reflektiert. 

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