Jubiläumsjahr : Ein Händel-Abend im Radialsystem

Das Händel-Jubiläumsjahr hat uns ein merkwürdiges Paradoxon beschert: Wir erleben die Gegenwart seiner Musik, seines dramatischen Genies – der Kompositeur selbst aber entkommt unerkannt und will die Geheimnisse seiner Epoche nicht preisgeben.

Ulrich Amling

Eines goldenen und zugleich tief verunsicherten Zeitalters, dem unseren gar nicht fern, zwischen Ausbeutungsrausch und Börsencrash, Genusssucht und Todesbesessenheit.

Die Theatertruppe Nico and the Navigators versucht sich im Radialsystem dem barocken Lebensgefühl zu nähern und kombiniert Sprache, Choreografie und Gesang zu einer Bilderfolge, die sich an 32 Nummern aus Händels Werk entlanghangelt. Das musikalische Pasticcio stammt von der Tiroler Musikbanda Franui, die mit ihren Bearbeitungen von Schubert- und Brahms-Liedern wundersame Klassikerbastarde geschaffen hat. Mit Hackbrett, Akkordeon und Tuba sprengen sie die im Kunstlied gefangenen Emotionen frei, jagen sie durch abgründige Idyllen und gehen im Wirtshaus über die Tische. Bei Händel aber bleibt der Befreiungsschlag aus. Die Notenblätter rascheln ungewendet, die Musik klingt zwar deutlich rustikaler, darf aber nirgendwohin ausbrechen. Eine Geisterbeschwörung ohne Kontakt zur Gegenstelle.

Ähnlich ergeht es den Navigators, die sich bewaffnet mit Schurwolle und Straußenfedern durch Arkadien kämpfen. Der vagen Hoffnung auf eine Welt als Musenreich und ewiges Schäferstündchen verleihen sie derart kindlich Ausdruck, dass man den Einbruch des Todes und seiner läuternden Macht geradezu herbeisehnt. Eine pure Händel-Arie, ganz traditionell dargeboten, verrät mehr über unser Sehnen zwischen Himmel und Erde. Und das ist doch ein wunderbares Kompliment, Maestro.

Wieder am heutigen Freitag sowie am Sonnabend, 20 Uhr

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