Klassik : Claudio Abbado: Träume pflanzen

Claudio Abbado kämpft in Italien unermüdlich für den Klassik-Nachwuchs. Nun hat er mit seinem Orchestra Mozart ein Pergolesi-Album eingespielt.

Corina Kolbe
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Tutti amici. Claudio Abbado probt mit den jungen Musikern seines 2004 gegründeten Orchestra Mozart. -Foto: Marco Caselli Nirmal

Claudio Abbado gibt den Einsatz, hält inne und lacht. Das Orchester soll eine Zugabe spielen, doch einige Bläser haben schon das Weite gesucht. Während der Dirigent sich noch darüber amüsiert, huschen die fehlenden Musiker zurück auf ihre Plätze. Dann geht es weiter, hochkonzentriert, als sei nichts geschehen.

Dass Abbado und das Orchestra Mozart einander bestens verstehen, hat das Publikum im Teatro Manzoni in Bologna da längst gemerkt. In diesem Herbst feiert das jüngste der vom italienischen Maestro gegründeten Ensembles seinen fünften Geburtstag. Nach seinem Abschied von den Berliner Philharmonikern 2002 hatte Abbado zunächst mit Michael Haefliger das Lucerne Festival Orchestra erfunden, in dem seit 2003 jeden Sommer ausgesuchte Solisten auf Musiker des (ebenfalls mit Abbados Unterstützung gegründeten) Mahler Chamber Orchestra treffen. Ein Jahr später entstand in Bologna das Orchestra Mozart. Hier musizieren Profis wie der ehemalige erste Solo-Bratscher der Berliner Philharmoniker Wolfram Christ, der italienische Hornist Alessio Allegrini oder der frühere Solo-Bassist der Wiener Philharmoniker Alois Posch mit Nachwuchsmusikern aus aller Welt.

Das Ergebnis ist ein erstklassiges junges Orchester, das flexibler agiert als ein Klangkörper mit langer Tradition. Jedes Jahr rücken jüngere Kollegen nach; viele kommen aus der Accademia Filarmonica in Bologna, in der einst Mozart studierte. Die Neuen zu integrieren, sei kein Problem, meint der Flötist Mattia Petrilli. Abbado kann aus jedem das Beste herausholen. Jeder übernimmt Verantwortung und kann sich zugleich frei entfalten. Das Orchestra Mozart, das keine öffentlichen Zuschüsse erhält, versammelt sich zweimal im Jahr zu Probenphasen mit anschließenden Konzerten. Den Rest des Jahres sind die Musiker als Solisten in Orchestern und Kammerensembles oder als Hochschuldozenten tätig. Das Repertoire reicht von Bach bis Prokofjew, mit einem Schwerpunkt auf Werken der Klassik und Romantik. Am Pult steht zumeist Abbado selbst, nur hin und wieder übernehmen andere Dirigenten wie der junge Venezolaner Diego Matheuz den Stab.

Abbado genießt die Freiheit, jenseits von Repertoirezwängen seine Lieblingswerke neu studieren zu können. Für die Aufnahme von Mozarts Violinkonzerten beschäftigte sich der 76-Jährige noch einmal mit historischer Aufführungspraxis. Auch auf dem neuen Album mit Werken des Barockkomponisten Pergolesi („Stabat Mater“, „Salve Regina“ und das B-Dur-Violinkonzert) kommen Originalinstrumente zum Einsatz. Der Klang ist fließend und transparent, die Tempi sind rasch. „Mir gefällt Abbados undogmatischer Umgang mit Alter Musik“, meint die Schweizer Sopranistin Rachel Harnisch, die mit der Sara Mingardo den Solopart in „Stabat Mater“ übernommen hat.

Abbado engagiert sich überhaupt unermüdlich in Italien und setzt sich dafür ein, klassische Musik wieder stärker in der Gesellschaft zu verankern. In Zeiten, in denen dort viele Orchester und Theater wegen Kürzungen öffentlicher Zuschüsse um ihre Existenz bangen müssen, eine Herausforderung. So machte er im Oktober 2008 dem Education-Programm der Berliner Philharmoniker Konkurrenz und führte in einer Sportarena in Bologna mit seinem Orchester und dem Komiker Roberto Benigni Prokofjews „Peter und der Wolf“ auf. Für Berlioz’ „Te Deum“ engagierte er zusätzlich Riccardo Mutis junges Orchestra Cherubini und das Orchestra Giovanile Italiana von Piero Farulli. Mehr als 600 Kinder sangen mit.

Abbados soziales Engagement reicht noch weiter. Schon 2006 unterstützte er die Gründung des Musiktherapieprojekts „Tamino“, bei dem Mitglieder des Orchestra Mozart in Krankenhäusern interaktiv mit Kindern arbeiten und dafür mit Ärzten, Psychologen und Pädagogen kooperieren. Auch in Haftanstalten treten die Musiker auf; im Juni spielten sie in der Erdbeben- zerstörten Stadt L’Aquila, um mittels Spenden den Wiederaufbau der lokalen Musikinstitutionen zu beschleunigen.

Am 4. Juni 2010 wird Abbado nach 24 Jahren wieder das Orchester an der Mailänder Scala dirigieren, die er 1986, nach 19 Jahren als Musikchef, im Streit verlassen hatte. An der Aufführung von Gustav Mahlers monumentaler Zweiter Sinfonie – mit der er 1963 sein Scala-Debüt gab – wird auch das Orchestra Mozart mitwirken. Sein Comeback möchte der Sohn der Stadt gern in Naturalien vergütet bekommen: 90 000 Bäume soll die von Smog belastete Metropole bis dahin neu pflanzen. Bislang hat die Stadtverwaltung allerdings erst einige wenige in Kübeln aufgestellt. Abbado meint es ernst: Er wird nur dann wiederkommen, wenn die Bäume tatsächlich eingepflanzt werden.

G. B. Pergolesi: „Stabat Mater“, Violin Concerto, „Salve Regina“, Leitung: Claudio Abbado. Deutsche Grammophon. Die CD erscheint am heutigen Freitag.

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