Kommentar : Geld macht die Musik

Der Chefdirigent behauptet, so nicht weitermachen zu können? Das klingt in den Ohren aller, die derzeit um ihren Arbeitsplatz bangen, wie blanker Hohn. Frederik Hanssen liegt dafür nun Ingo Metzmacher im Ohr.

Frederik Hanssen

Nun hat er offenbar Muffensausen bekommen. Im Intendanzbüro der Rundfunkorchester und -chöre GmbH ist ein Fax von Ingo Metzmachers Agenten eingetroffen, in dem der Dirigent Gesprächsbereitschaft signalisiert. Worüber aber sollte ROC-Chef Gernot Rehrl mit dem Maestro noch reden? Letzte Woche hatte Metzmacher auf der Pressekonferenz seines Deutschen Symphonie-Orchesters eine Erklärung verlesen: Unter den gegebenen Umständen werde er seinen im Sommer 2010 auslaufenden Vertrag als künstlerischer Leiter nicht verlängern. Die „vollkommen inakzeptablen“ Arbeitsbedingungen sehen so aus: Mitten in der Weltwirtschaftskrise erhält das DSO eine massive Etaterhöhung. Die aufgelaufenen Defizite werden ausgeglichen, für Gehaltssteigerungen ist vorgesorgt, Lohnerhöhungen müssen nicht aus der eigenen Tasche bezahlt werden wie bei anderen Kulturinstitutionen. Damit der hochgeschätzte Metzmacher weiter spannende Programme realisieren kann, wird das künstlerische Budget um fast eine halbe Million Euro aufgestockt.

Und da behauptet der Chefdirigent, so nicht weitermachen zu können? Das klingt in den Ohren aller, die derzeit um ihren Arbeitsplatz bangen, wie blanker Hohn. Zumal sich Metzmachers Wut an der Personalfrage entzündet: Er möchte alle Planstellen finanziert bekommen, die dem DSO auf dem Papier zustehen – eine illusorisch hohe Zahl aus fetten Jahren, die selbst unter Kent Nagano nie erreicht wurde. Man kann darüber streiten, ob ein hauptstädtisches Klassikensemble nur mit 114 Musikern konkurrenzfähig ist. Aber kein Chefdirigent der Welt kann es sich erlauben, seine großzügigen Geldgeber öffentlich derart zu brüskieren. Seine Brandrede sei nur im Konjunktiv formuliert gewesen, beteuerte Metzmacher gegenüber dem Tagesspiegel. Er habe die Öffentlichkeit suchen müssen, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Das ist ihm gründlich gelungen.

Auch ROC-Intendant Gernot Rehrl hat seinen Anteil an dem Debakel. Einen Tag vor der Saisonpräsentation konfrontierte er Metzmacher damit, dass die ROC-Gesellschafter – Bund, Berlin, Deutschlandradio, RBB – seinen schärfsten Konkurrenten bevorzugen, Marek Janowski, der das ebenfalls unter dem Dach der ROC agierende Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin auf Spitzenniveau gebracht hat. Bis 2012 – so lange ist die Etaterhöhung zugesagt – sollen beide Ensembles finanziell erstmals gleichgestellt sein. Ein herber Schlag für das bislang bevorzugte DSO.

Rehrl ist Franke, er hat die allseits gefürchtete fränkische Raubeinigkeit an den Tag gelegt. Aber dieser diplomatische Fauxpas geschah hinter den Kulissen. Metzmacher dagegen ging an die Öffentlichkeit und spielte den egomanischen Kamikaze-Krieger. Auch wenn er jetzt kleinlaut das Gespräch sucht: Dem eigenen Orchester wie der Musikstadt Berlin hat er erheblich geschadet.

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