Konzertbilanz : Berlin aus dem Takt

Bilanz einer dramatischen Konzertsaison: Warum innovative Dirigenten in Berlin schnell scheitern.

Jörg Königsdorf

Am 26. März 2009 legte Ingo Metzmacher den wohl dramatischsten Auftritt seiner bisherigen Karriere hin. Nachdem er gerade noch das Programm für seine dritte Saison an der Spitze des Deutschen Symphonie-Orchesters erläutert hatte, ganz so, als sei zwischen ihm und seinen Musikern alles eitel Sonnenschein, ließ der Chefdirigent plötzlich die Katze aus dem Sack: Die kommende Spielzeit würde seine letzte an der Spitze des Orchesters sein, verkündete der 51-Jährige mit ein paar dürren Worten. Sprach’s, entschwand und fegte damit auf einen Schlag die Illusion hinweg, dass die Berliner Orchesterszene nach Jahren voller Turbulenzen und Umbrüche endlich zur Ruhe gekommen sei.

So hatte es bis zu diesem Tag eigentlich ausgesehen: Sowohl Daniel Barenboims Staatskapelle als auch Marek Janowskis Rundfunk-Sinfonieorchester haben sich ihren erfolgreichen Chefs „auf Lebenszeit“ verschworen, auch die Berliner Philharmoniker bekannten sich im letzten Jahr klar zur Fortführung ihrer Zusammenarbeit mit Simon Rattle. Sogar für das Orchester der Deutschen Oper hat der Wowereit-Senat mit dem Schotten Donald C. Runnicles einen neuen Chefdirigenten von internationales Prestige geangelt. Und nun das.

Es sollte sogar noch schlimmer kommen. Kaum drei Wochen nach Metzmacher warf der nächste Berliner Maestro das Handtuch: Weniger dramatisch inszeniert, aber noch überraschender kündigte Lothar Zagrosek an, dass er seinen Vertrag als Chef des Konzerthausorchesters nicht über 2011 hinaus verlängern wolle. Zagrosek geht trotz einer Bilanz, die eigentlich nur Erfolge ausweist: Steigende Auslastungszahlen, gerade erst der Deutsche Kritikerpreis für innovative Programmgestaltung, internationale Tourneen wie ein ausgedehntes England-Gastspiel im März und dazu ein Großsponsor, dessen Millionen attraktive Projekte ermöglichen. Was kann ein Dirigent in drei Jahren eigentlich mehr erreichen?

So unterschiedlich die Entscheidungen Metzmachers und Zagroseks im Detail auch motiviert sein mögen, bleibt doch eine auffällige Gemeinsamkeit: Es gehen gerade die Dirigenten, die versucht haben, ihre Orchester mit klugen, wagemutigen Programmen zu profilieren, während die konservativen „Bewahrer“ Barenboim und Janowski, die auf die Pflege des klassisch-romantischen Repertoires setzen, desto fester im Sattel sitzen. Und war nicht auch die Vertragsverlängerung Simon Rattles infrage gestellt worden, weil er angeblich den „Deutschen Klang“ des Orchesters gefährdet hatte?

Eine Angst, die weniger das Publikum als die Orchester selbst umtreibt: Während sich das DSO zuvor nur lau und unter Bedingungen für die Vertragsverlängerung Metzmachers ausgesprochen hatte (und der Orchestervorstand auf die Rücktrittsankündigung zunächst eher achselzuckend reagierte), war das Konzerthausorchester bei der Vertreibung seines Chefs sogar die treibende Kraft. Während es die Musiker offenbar nicht gestört hatte, dass Zagroseks Vorgänger Eliahu Inbal weitgehend ausstrahlungslos seine Mahler- und Bruckner-Sinfonien dirigierte, schien der spürbare Kompetenzzuwachs, den Zagrosek seinem Orchester in Sachen Haydn und Mozart, aber auch bei zeitgenössischer Musik verschaffte, kaum zu zählen. Und auch Metzmachers Vorgänger Kent Nagano hatte seine innovativen Programme immer durch genug Mahler und Bruckner abgesichert, während sein Nachfolger lieber Stücke von Schumann, Weill und Pfitzner aufs Programm setzte, mit denen weniger Lorbeeren zu ernten waren.

Am Doppelabschied wird mithin ein Grundproblem deutlich, vor dem jeder Dirigent steht, der ein Orchester in Berlin übernimmt: Einerseits erwartet man von ihm die Formulierung künstlerischer Alleinstellungsmerkmale, die sein Ensemble von der Konkurrenz abheben, andererseits aber wird sein Erfolg und sein Standing bei seinen Musikern letztlich doch nur durch seine Beherrschung des „großen“ Standardrepertoires definiert.

Eine Fixierung, die freilich weniger künstlerische als institutionelle Gründe hat. Nach wie vor definiert sich die Rangordnung der Orchesterszene vor allem durch Besetzungsstärken: Die größte gilt fast automatisch als die beste (und bestbezahlte), und dass man nicht 99, sondern 103 Musiker braucht, lässt sich nun einmal nicht mit den kleiner besetzten Orchesterwerken Mozarts und Mendelssohns rechtfertigen, sondern nur mit den abend- und podiumsfüllenden Orchesterwerken der Spätromantik und der Jahrhundertwende.

In Berlin mit seiner erdrückenden Dichte von Spitzenorchestern und den auch 20 Jahre nach der Wende immer noch virulenten Ost-West-Eifersüchteleien ist dieser Futterneid zwangsläufig besonders ausgeprägt. Tief scheinen den Musikern zudem noch immer die traumatischen Erfahrungen der Jahre nach 1995 in den Knochen zu sitzen, als im Zuge diverser Fusions- und Abwicklungspläne verschiedenster Kultursenatoren so gut wie jedes Ensemble einmal auf der Planke stand. Jeder Punktverlust auf der orchestralen Hierarchieskala wird offenbar immer noch als Bedrohung von Wettbewerbsfähigkeit und Existenz angesehen – ein sinfonisches Kräftemessen, bei dem Zagrosek und Metzmacher, die beide zuvor hauptsächlich Operndirigenten gewesen waren, von vornherein nicht die besten Karten hatten. Die bereitwillige Verabschiedung von Dirigenten, die nicht auf Anhieb die erhofften Resultate bringen, und die Klammerreflexe bei denen, mit denen es gut läuft (Janowski, Barenboim), sind im Übrigen nur zwei Seiten derselben Medaille.

Und so wie es schon vor Jahren bei dem erbittert ausgetragenen Streit zwischen den Orchestern von Deutscher Oper und Staatsoper nur um das „Große Repertoire“ – im Musiktheaterbereich die Opern Wagners und Strauss’ – gegangen war, geht es auch bei DSO und Konzerthausorchester vor allem darum, einen Chef zu haben, der eben dieses eine Qualitätsmerkmal besitzt und damit den Geltungs- und Größenanspruch seines Orchesters künstlerisch unterfüttert.

Kennzeichnenderweise hatten die DSO-Musiker einer Vertragsverlängerung Metzmachers nur unter der Bedingung zugestimmt, dass es ihm gelänge, bislang gesperrte Stellen wieder besetzen zu können. Und entscheidend für seinen Rücktritt war letztlich nicht nur die Tatsache, dass ihm das nicht gelang, sondern auch, dass stattdessen das zweite Berliner Rundfunkorchester, Marek Janowskis RSB den ersehnten Stellenzuwachs verzeichnen konnte und künftig in gleicher Stärke wie das DSO spielen darf.

Mit Kunst hat das alles nur wenig zu tun. Die entstünde erst, wenn Dirigenten und Orchester sich die Zeit und den Mut nähmen, miteinander etwas zu entwickeln und Interpretationen reifen zu lassen. Zwei solche Chancen haben die Berliner Orchester gerade vertan.

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